Die aufgeregte Debatte um Heideggers „ontologischen Antisemitismus“ in den kürzlich pulizierten Schwarzen Heften lässt sich auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner bringen: Schlechte Geschichtsphilosophie antwortet auf schlechte Geschichtsphilosophie. Sowohl dem Angeklagten als auch den Anklägern möchte man zurufen, sie mögen doch bitte die Welt geschichtsphilosophisch verschonen.

Man müsste einmal die Geschichte erzählen, wie Martin Heidegger irgendwann in den 1940er-Jahren wahrscheinlich beim Skifahren tödlich verunglückte und durch einen melancholischen und erotomanen Doppelgänger ersetzt wurde, der den Rest seines intellektuellen Lebens damit zubrachte, sich aus der alten Manuskriptkiste des Frühverstorbenen zu bedienen, um auf deren Basis anlassbedingt einige Variationen zu verfassen. Man müsste sich dann aber auch darüber Gedanken machen, was aus Heidegger geworden wäre, hätte er den tragischen Skiunfall überlebt. Vorstellbar ist, dass er irgendwann in den 60ern – in einem Akt hyperbolischer, durchaus unfairer Selbstkritik – alles bisher philosophisch Geleistete radikal und in einem Schwung verworfen hätte („Holzweg, groß gedacht, groß geirrt“) und völlig neu angesetzt hätte. Freilich hätte die neu gefundene Jugendlichkeit des alternden Denkers etwas Lächerliches; aber es ginge ihm nicht darum, den neuen Moden der Zeit nachzulaufen; es ginge ihm einzig darum, Bücher zu schreiben, in denen das Wort „Sein“ nicht vorkommt.