Der bleibende Streit um die Ontologie des Lebendigen, der sich historisch im Gegensatz von Mechanismus und Vitalismus verkörpert, lässt sich auf eine unauflösliche Antinomie in der Konzeptualisierung des Lebens zurückführen.

(1) Anthropomorphisierung: Man begreift „Leben“ ausgehend davon, was man von sich selbst her kennt. Diese Konzeptualisierungsstrategie des Lebendigen besteht darin, erstens diejenigen unserer Vermögen ausfindig zu machen, die sich hypothetisch auf alle Lebewesen anwenden lassen, und zweitens eine univoke Kernbedeutung dieser Vermögen zu identifizieren, von der man behaupten möchte, dass sie auf alle Lebewesen zutrifft. „Intentionalität“ ist ein Beispiel: „Leben“ heißt für uns u.a., sich auf Gegenstände sinnhaft beziehen zu können, ihnen also nicht nur kausal ausgeliefert zu sein. Dieser Begriff der Intentionalität ist ein Kandidat für die begriffliche Bestimmung des Lebendigen überhaupt. Gegen ihn kann jedoch leicht ein Spekulationsverbot geltend gemacht werden, demgemäß uns die Erscheinungsweise einfacher Lebensformen in nichts dazu berechtigt, einen so anspruchsvollen Begriff zur Erklärung ihrer Bewegung anzuwenden. Die Manifestationsweise einfacher Lebensformen ist so, dass immer auch eine „billigere“ Erklärung „von unten“ möglich scheint, also die Zurückführung auf einen mehr oder weniger komplexen Mechanismus. Auf dieser Basis meint man dem Verfahren der Anthropomorphisierung, um zu Begriffen des Lebendigen zu kommen, per se den Kredit entziehen zu können.

(2) Naturalisierung: Die scheinbar einzig seriöse Alternativstrategie, um aus der Sackgasse der Anthropomorphisierung herauszukommen, besteht darin, die Begriffe, mit denen wir das Lebendige bestimmen wollen, so zu transformieren, dass sie ins Bild einer objektivierenden Naturbeschreibung passen und dadurch ihre epistemologische Anstössigkeit verlieren. So erklären sich die heute zahlreichen philosophischen Programme, „Intentionalität“ naturalistisch zu rekonstruieren. Das Vorgehen dabei ist eigentlich recht eintönig: Man versucht, natürliche und objektiv beschreibbare Strukturmerkmale oder dynamische Schemata zu finden, die dem, was wir ursprünglich „Intentionalität“ nennen, zum Verwechseln ähnlich sehen, sodass die epistemotologische Kluft so minimalisiert scheint, dass der Übergang vom einen zum andern gerechtfertigt wirkt. Gegen jeden solchen Naturalisierungsversuch kann man jedoch ein Differenzgebot bzw. ein Reduktionsverbot in Anschlag bringen: Solange die ursprünglich erfahrene und die naturalistisch rekonstruierte Intentionalität nicht in jeder wesentlichen Hinsicht gleich sind (und die „ontologische Subjektivität“ der ursprünglichen Intentionalität ist sicherlich zu diesen unabgegoltenen wesentlichen Hinsichten zu zählen), bleibt die Kluft eine Kluft – der Übergang ist durch die Ausbeutung einer Ambiguität (zwischen subjektivem Schema und seinem objektivierten Spiegelbild) nur erschlichen. Durch ein solches Ungenügen jedes Naturalisierungsprogramms wird sodann die Anthropomorphisierung wieder zu einer Attraktivität gewinnenden Konzeptualisierungsstrategie.

Man kann dieses argumentative „Spiel“, dieses Hin- und Hergerissensein zwischen Anthropomorphisierung und Naturalisierung, ewig weitertreiben; denn man kann – ganz im Sinne eines antinomischen Verhältnisses – immer relativ leicht zeigen, dass die jeweilige Gegenposition in Aporien führt, sodass die eigene Position einen Schein von Wahrheit erhält. Derjenige, der das Recht auf Angriff der Gegenposition hat, trägt den scheinbaren Sieg davon, indem die Unhaltbarkeit der kritisierten Strategie die jeweilige Alternativstrategie zu stützen scheint – doch dabei handelt es sich um einen dialektischen Schein, der in der nächsten Runde des diskursiven Gefechts schon wieder die Seiten wechselt.

Von daher ergibt sich eine wichtige Aufgabe für die Philosophie des Lebendigen: eine Methodologie für eine Semantik des Lebens zu entwickeln, die aus der Antinomie von Anthropomorphisierung und Naturalisierung in der Konzeptualisierung des Lebendigen herausführt. Das generelle Programm besteht darin, einen nicht-objektivierenden, nicht-naturalisierenden Transformationsmodus für die ursprünglich anthropomorphen Lebensbegriffe zu finden. Also im strikten Sinn um ein Weder-noch (weder Anthropomorphisierung noch Naturalisierung), das sich auf ein Drittes zu bewegt; bzw. aber auch um ein Sowohl-als auch (sowohl Anthropomorphisierung als auch Naturalisierung), insofern der bleibende anthropomorphe Ursprung der Lebensbegriffe nicht verleugnet werden darf und es tatsächlich zugleich auch um eine Naturalisierung im Sinne eines modifizierten Naturbegriffs, in dem die Subjektivität des Lebens einen Platz hat, geht. Einen in dieser Hinsicht vielleicht gangbaren Weg habe ich in einer biologischen Relektüre von Husserls Methodologie des Lebendigen auf sehr vorläufige Weise skizziert.