Absolut konsumieren? Die religiöse Entgrenzung des Neoliberalismus

2015/01/13

Unsere scheinbar so profane gesellschaftliche Lebensweise, in der Informationen, Daten, Geld, Konsumgüter immer rasanter zirkulieren, gefährdet sich durch ihre religiöse Überhöhung. Denn der Neoliberalismus ist nicht einfach nur eine strikt eingegrenzte kapitalistische Weise des Wirtschaftens, sondern hat darüber hinaus die Tendenz, in Form einer grenzüberschreitenden Logik des Marktes und des Wettbewerbs auf andere Lebensbereiche (Partnerschaft, Familie, Bildung, Politik, u.a.) überzugreifen und die Gestaltung menschlicher Beziehungen neu zu prägen. Der Kapitalismus neigt also dazu, neben sich „keine anderen Götter“ zu dulden, das heißt: sich zu entgrenzen und sich zu verabsolutieren. Darin besteht sein beunruhigendes (quasi-)religiöses Potenzial.

Bereits 1921 hat der deutsche Philosoph Walter Benjamin in seinem berühmten Fragment „Kapitalismus als Religion“ eine entsprechende Diagnose gestellt. Er sah in der kapitalistischen Lebensweise eine reine Kultreligion, die kein systemerhaltendes Dogma braucht, da sie alles im Leben Begegnende zur konsumierbaren Ware macht. Der Warenkult ist auf permanente Dauer gestellt. Deshalb ist die Bestrebung nicht so sehr, den Sonn- und Feiertag, sondern vielmehr umgekehrt gerade den Werktag abzuschaffen, insofern nämlich möglichst pausenlos dem Konsumkult gehuldigt werden soll. Das markanteste Merkmal sah Benjamin aber in der „Lösung“, die der Kapitalismus für das Problem zwischenmenschlicher Schuld parat hält. Die Schuld wird nicht mehr durch die Unterbrechung des Kreislaufs des Schuldigwerdens bewältigt – darin besteht die traditionelle religiöse Lösung des Problems, die sich in Umkehr und Sühneopfer, in Reue und Verzeihen manifestiert. Die quasireligiöse Lösung, die der Kapitalismus anbietet, ist hingegen eine paradoxe Flucht nach vorne: Der Kreislauf menschlichen Schuldigwerdens wird nicht unterbrochen, sondern vielmehr beschleunigt. Denn durch das wechselseitige Verschulden und fortdauernde Umschulden muss sich eigentlich niemand mehr wirklich verantwortlich fühlen. Je schneller und umfassender die Schuld zirkuliert, desto weniger belastet sie das Gewissen des Einzelnen. So ist der Kapitalismus für Benjamin eine verschuldende Kultreligion: Die Schuld wird nicht gesühnt, sondern im Gegenteil auf alle Beteiligten ausgeweitet. Mit anderen Worten wird die Verzweiflung zum „religiösen Weltzustand“.

Einen weiteren, gegenwärtig besonders relevanten Aspekt der Religion des Kapitalismus kann man mit dem viel diskutierten dystopischen Roman Der Circle (2014) von Dave Eggers veranschaulichen. In diesem Roman geht es um die immer bedrohlichere Züge annehmende Vorherrschaft eines Unternehmens, das die Ideologie der Sozialen Medien verkörpert, nach der das menschliche Heil im totalen Kommunikations- und Datenzirkulationsfluss liegt. Ein Leitwort dieses scheinbar so menschenfreundlichen und liberalen Unternehmens lautet: „Sharing is caring“, „Teilen ist Heilen“. Das Gebot der Nächstenliebe entwickelt sich hier zum Gebot der Transparentmachung der eigenen Person, der Datafizierung des gesamten persönlichen Erlebens, um es auf diese Weise mit allen zu teilen. Der Roman zeigt eindringlich, dass die Erlösungsvorstellung, die die gegenwärtige Religion des Kapitalismus antreibt, nicht mehr nur das Teilen von Schuld, sondern radikaler noch das Teilen alles Erlebens durch freundliche digitale Kommunikationsprozesse ist. In diesem Sinne steuert die Religion des Kapitalismus eschatologisch auf die Transparenzgesellschaft als einem gesellschaftlichen Idealzustand zu.

„Transparenzgesellschaft“ ist ein Wort, das der aus Südkorea stammende, deutsche Philosoph Byung-Chul Han vor einiger Zeit in einem Essay mit demselben Titel geprägt hat. Bekannt wurde er durch seine Reflexionen zur Müdigkeitsgesellschaft (2010). In seinem neuesten Essay Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken (2014) finden sich weitere Überlegungen, die unser vorläufiges Bild der gegenwärtigen Religion des Kapitalismus vervollständigen helfen. Nach Han ist unsere Gesellschaft durch ein zur Erschöpfung führendes Übermaß an Positivität geprägt. Der Like-Button – das „digitale Amen“ – von Facebook ist ihr Kennzeichen: „der Neoliberalismus ist der Kapitalismus des Gefällt-mir“. Darin ist eine subtile Form von Machtausübung wirksam, die Han als neoliberalistische Psychopolitik bezeichnet. Diese „smarte Macht“ zielt nicht auf die disziplinierende Verhaltensänderung des Menschen, sondern auf dessen Selbstentblößung, um die Bedürfnisse der Seele konsumistisch, also auf eine flache und hektische Art anzuregen und auszubeuten. Den religiösen Charakter des Neoliberalismus macht Han an der absoluten Unterwerfung unter eine transzendente Macht fest. Diese Transzendenz ist nicht mehr der Gott der monotheistischen Weltreligionen, sondern das Kapital. Er fragt sich mit Bezug auf Benjamins Fragment: „Ist das Kapital nicht ein neuer Gott, der uns wieder zum Schuldigen macht?“ Was Han allerdings nicht sieht, ist der Umstand, dass das Problem der Schuld nicht erst durch einen Gott künstlich eingeführt wird, sondern die menschliche Situation schon vorab kennzeichnet. Seine Unterschätzung dieses Problems kommt auch in der Lösung zum Ausdruck, die Han uns anzubieten hat: Er plädiert im Anschluss an den Zen-Buddhismus für eine kontemplative Befreiung von jeder Form von transzendenter Macht. Denn wenn der Mensch eine „Blumenexistenz“ („einfache Öffnung zum Licht“) führt, dann scheint er keinen transzendenten Gott mehr nötig zu haben, weil das Schuldigwerden schlicht nicht mehr zählt. Wir sollten uns aber fragen, ob uns diese (Auf-)Lösung des Problems zufriedenstellt. Dass hier noch etwas anderes im Spiel bleiben muss, wird sofort deutlich, sobald man über das Motto, das Han seinem Essay voranstellt, nachdenkt: „Protect me from what I want“. Diesen Aphorismus – der übrigens von der Band Placebo vertont wurde – übernimmt Han von der Konzeptkünstlerin Jenny Holzer. Enthält dieser Satz aber nicht eine Art Bittpsalm, eine Anrufung Gottes für einen Ausweg aus dem psychopolitisch ausbeutbaren Schuld-, Kommunikations- und Bedürfniszirkel?

(erscheint in: Denken + Glauben, 2015, KHG Graz)

Advertisements

Eine Antwort to “Absolut konsumieren? Die religiöse Entgrenzung des Neoliberalismus”

  1. Heinz Kunz Says:

    Auf den ersten Absatz bezogen: was bedeutet dies dann aber im Gegenzug für das Verständnis des Religiösen; dass es sich dabei um einer Art Reduktionismusstrategie handelt? Dann wäre – mit wohlwollendem Spott erwidert – Ihre Fassung des Religiösen hier durchaus selbstreferenziell.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: