Der philosophische Umgang mit wissenschaftlichen Reduktionsprogrammen

2014/09/09

Es gibt eine Art von Argument gegen reduktionistische Versuche und wissenschaftliche Reduktionsprogramme aller Art, welches mir immer ein Unbehagen bereitet (deshalb werde ich in seiner Verwendung immer zurückhaltender oder habe irgendwann ganz aufgehört, es zu verwenden), weil es zu wohlfeil ist. Das Argument ist mit der elenchischen Widerlegung des Skeptikers nah verwandt: Es wird nur darauf hingewiesen, dass derjenige, der ein wissenschaftliches Reduktionsprogramm verfolgt, eigentlich mit seinen Voraussetzungen (und zwar genauer: nicht mit den von ihm theoretisch gesetzten Voraussetzungen, sondern mit den von ihm praktisch gelebten Voraussetzungen, insofern er sich nämlich immer schon als Mensch vollzieht) in Widerspruch gerate: Das menschlich Gelebte und das theoretisch Behauptete lassen sich nicht zu einem konsistenten Bild zusammenfügen. Das Ergebnis einer solchen Reflexion ist dann also etwa, ganz generell: Die (menschlich erlebte) Subjektivität hat keinen Ort in der (naturwissenschaftlich erforschbaren) Natur.

Ich will nicht sagen, dass diese Art von Argument keinerlei Wert hat; aber ich meine doch, dass der Wert dieses reflexiven Lieblingsarguments vieler Philosophen stark überschätzt wird. Es hat jedenfalls einen diagnostischen Wert, indem es andeutet, dass die erfolgte Reduktion nicht alle philosophischen Geheimnisse löst; aber darüber hinaus? Sein Resultat ist bloß negativ, und derjenige, der es äußert, neigt dazu, es sich in dieser souveränen Negativität als faule Vernunft bequem zu machen. Ein positives Bild des Zusammenhangs, also eine echte Altermative zum wissenschaftlichen Reduktionsprogramm, erhalten wir dadurch aber nicht. Es hält einer waghalsigen (bisweilen sogar fast lächerlichen) naturalistischen Erklärung nur eine Beschreibung des lebensweltlichen status quo entgegen, begegnet dem Gegner also nicht auf derselben Ebene auf Augenhöhe, riskiert also selbst nichts, sondern schlägt einen „vornehmen Ton“ an. Das genügt aber nicht, sobald man einsieht, dass es hier wirklich etwas Erklärungsbedürftiges gibt, um den sich kein reflexionsphilosophischer Quietismus der Vernunft herumschwindeln kann: Der Zusammenhang von Subjektivität und Natur verlangt nach einer positiven Entfaltung. Erst wenn einer waghalsigen Erklärung (Naturalismus) durch eine andere waghalsige Erklärung (Idealismus) begegnet wird und sich beide also auf derselben Ebene bewegen, lässt sich der reduktionistische Versuch gerecht beurteilen. Dabei geht es dann um ein umsichtiges Abwägen der verschiedenen Erklärungsangebote – kein Argument hat dabei den absoluten Wert eines Totschlägers, anders als es der reflexionsphilosophische Gebrauch des Selbstwidersprucharguments insinuiert. Vielleicht ist der reduktionistische Versuch nämlich trotz seines performativen Selbstwiderspruchs immer noch die beste uns zugängliche Erklärung des Zusammenhangs und die reflexionsphilosophische Abschiedsgeste also verfrüht – mit der Möglichkeit einer solchen Grundparadoxie des menschlichen Wissensstrebens sollte man jedenfalls philosophisch-selbstkritisch rechnen.

Mit all dem will ich nicht die philosophische Kritik an wissenschaftlichen Reduktionsprogrammen abstellen – im Gegenteil -, sondern nur darauf hinaus, dass sich sich die philosophische Kritik mehr auf die reduktive Problemstellung einlassen muss – um dadurch auch selbst angreifbarer zu werden. Hinweise, dass ein bestimmtes Vorgehen „prinzipiell“, „grundsätzlich“ verkehrt sei, sollten dadurch nicht mehr so leicht möglich sein, da es in dieser Auseinandersetzung keinen absoluten Maßstab mehr gibt, wie ihn der reflexionsphilosophische Standpunkt von oben immer ins Spiel bringt, sondern nur relative Maßstäbe des theoretischen Gelingens. Der einzige aussichtsreiche Kandidat für einen absoluten Maßstab scheint mir (phänomenologisches Bekennnis:) der phänomenale Gehalt eines Explanandums zu sein, aber selbst hier bin ich mir unsicher, das heißt, auch in diesem Fall muss man damit rechnen, dass es sich möglicherweise ganz anders verhält (hier kommt die Grenzidee des „Dings an sich“ ins Spiel).

(Konkret gesagt, wenn es wie mir um biologische Lebensphänomene geht: Weder Bedingungen der Erkenntnis noch physikalische Gesetze der Materie können für das Lebendige einen absoluten Maßstab des Verstehens bilden, sondern nur die Art und Weise, wie das Lebendige qua Lebendiges erscheint; vom Phänomen und seinen diversen Gehalten muss ich ausgehen, und zu ihm muss ich über den theoretischen Umweg „rettend“ zurückfinden.)

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Eine Antwort to “Der philosophische Umgang mit wissenschaftlichen Reduktionsprogrammen”

  1. Marc Says:

    Der Aufruf zum „umsichtigen Abwägen“ scheint umsichtig, aber wie soll man abwägen ohne Waage? Im „phänomenalen Gehalt“ finden sich doch beide Seiten des Zwiespalts unvermittelt widergespiegelt. Das Erscheinende kann losgelöst von seinem Erscheinen unter die Inspektion der „relativen Maßstäbe des Gelingens“ genommen werden. Das Erscheinen mitsamt seinem verflixten Dativ ist die gut bewehrte kleine Burg der Reflexionsquietisten.


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