Byung-Chul Han, Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken (2014)

2014/08/16

Byung-Chul Hans neues Buch liefert unter dem Stichwort „Psychopolitik“ eine überzeugende resümierende Analyse der Wirkung des neoliberalistischen Regimes auf das menschliche Selbst- und Weltverständnis. Der Grundgedanke: Es geht um mehr als „nur“ Biopolitik, die Kontrolle der Lebensäußerungen; es geht um Psychopolitik, die Kontrolle des Denkens und Erlebens. Der Akteur dieser Psychopolitik ist keine äußere, mit Gewalt zwingende Machtinstanz, sondern das unterworfene Subjekt selbst: Das liberale Freiheitsversprechen realisiert sich in der alles Erleben durchdringenden Selbstausbeutung – das ist Hans Diagnose der „Krise der Freiheit“.

Der Ansatz dieser gesellschaftskritischen Analyse kann Heidegger als Spiritus Rector nicht verhehlen: Der neoliberalistische Verblendungszusammenhang hat etwas durchdringend Geschickhaftes. Die Errettung von der neoliberalistischen Religion kommt daher auch nicht durch mitteilbare Kritik und praktizierbare Reform, also nicht durch mehr Rationalität, sondern durch anarchische Besinnung (Gelassenheit und das Offenhalten für das „Ereignis“, für das, was ohne Namen ist) und singuläre Verweigerung (die Figur des „Idioten“). Eine der interessantesten Existenzstrategien formuliert er mit Foucault: Echte Lebenskunst bedingt eine Ent-Psychologisierung: „Lebenskunst heißt, Psychologie zu töten und aus sich heraus wie auch zusammen mit anderen Individualitäten Wesen, Beziehungen, Qualitäten hervorzubringen, die keinen Namen haben. Wenn man das nicht schafft, lohnt dieses Leben nicht gelebt zu werden.“ (Foucault, Ästhetik der Existenz, zit.n. Han, Psychopolitik, S. 104)

Folgt man Hans Analyse, lässt sich das Problem der Gegenwart auch als religiöse Entgrenzung des Neoliberalismus beschreiben, als sein ideologisches Eindringen in alle Lebensbereiche („Kapitalismus als Religion“, wie es Walter Benjamin schon früh gesehen hat). Das Kapital fungiert dabei als eine neue transzendente Macht, die an die Stelle des theistischen „Gottes“ tritt. Für Han ist daher nur eine wesenhaft antireligiöse Problemlösung denkbar: Anerkennung des Immanenzcharakters des Lebens (mit Deleuze), Abbau aller wiederkehrenden Transzendenzen. Man könnte hier eine Frage stellen: Lassen sich die Ausrichtung auf das namenlose Ereignis und die Ausrichtung auf die Immanenz wirklich so umstandslos vereinen? Das will vorerst nur sagen, dass es mit der Austreibung der religiösen Dimension, die ja nicht von vornherein auf idolatrische „Gott“-Funktionen reduziert werden kann, nicht so einfach bestellt sein dürfte. Religiöse Diskurse müssen nicht in einer ideologischen Setzung einer bestimmten Transzendenz aufgehen (auch wenn sie das sehr oft tun), sondern können auch einen anderen, nicht-funktionalisierbaren Sinn haben, jenseits des entschuldenden Sinns des sakrifiziellen Christentums (vgl. René Girard) und jenseits des verschuldenden Sinns der kapitalistischen Religion.

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Eine Antwort to “Byung-Chul Han, Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken (2014)”


  1. […] wurde er durch seine Reflexionen zur Müdigkeitsgesellschaft (2010). In seinem neuesten Essay Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken (2014) finden sich weitere Überlegungen, die unser vorläufiges Bild der gegenwärtigen Religion […]


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