Die Kunst des Möglichen

2013/10/25

Politik ist die Kunst des Möglichen, so Bismarck. Dies ist nicht nur eine bemerkenswerte philosophische Einsicht, die bezeichnenderweise von einem erfolgreichen Praktiker der Politik stammt und über die es sich als Ausgangspunkt einer politischen Philosophie weiter nachzudenken lohnen würde; es ist zugleich eine Einsicht, aus der sich das grundsätzlich gestörte Verhältnis der Philosophie zur Politik erklären lässt. Denn es verhält sich doch so: Das philosophische Denken – wenn es sich selbst etwas wert ist – hat den unwiderstehlichen Hang zur Aufdeckung von Notwendigkeiten. Sie wird daher im Politischen als dem Feld des Möglichen nach Notwendigkeiteskernen fahnden, über die es sich etwas Allgemeines auszusagen lohnt. Diese Einstellung, so berechtigt sie im Theoretischen auch ist, hat aber im politischen Feld die Tendenz, das einzuführen, was man „Ideologien“ nennen kann: nämlich für Notwendigkeiten ausgegebene Möglichkeiten. Ideologien, so kann man definieren, sind Möglichkeiten des politischen Handelns, die durch eine theoretische Operation überbestimmt und dadurch als Notwendigkeiten begründet werden. Oder noch provokanter: Der rationale Begründungszwang, den die Philosophie von altersher in die Politik eingeführt hat, tut dem Politischen als dem Feld des genuin Möglichen nicht gut, denn er lässt uns wie selbstverständlich selbst dort noch Begründungen fordern, wo es keine gibt und wo eigentlich eine den Begründungsregress abbrechende gemeinsame Willensbekungung nottäte: „Es ist gut, weil wir es so wollen – wir wollen so leben.“ Ja, horribile dictu, Politik ist Willkür und soll phänomengerecht Willkür bleiben: Man kann sich vernünftigerweise für viele verschiedene Wege des Handelns und Lebens entscheiden, denn Vieles ist möglich, nur Eines notwendig – nicht die Willkür, sondern der Letztbegründungsanspruch, der in so vielen politischen Diskussionen in trivialstem Gewand auftritt, ist im Feld des genuin Möglichen das eigentlich Empörende. Denn Politik geht nicht aus von den Fragen „Was kann ich wissen?“ oder „Was soll ich tun?“, sondern von der Frage „Was kann ich wollen?“. Diese Frage nach dem Wollen-können ist aber im Unterschied zu den ersten beiden nach dem Wissen-können und nach dem Wollen-sollen nicht apriorisch entscheidbar – in diesem Reich verliert der philosophische Gedanke seine Hausmacht, und das ist gut so. Im Feld des Politischen hat der philosophische Gedanke nur ein Gastrecht. Und der Status des Gastes ist mit einer bestimmten Etikette verbunden: Die Philosophie hat sich zu bemühen, die genuinen (vorderhand unerkannten) Regeln, die auf dem Feld des Möglichen gelten, nicht zu verletzen – sie muss sich dem Phänomen des Politischen als einem ihr genuin Fremden und daher vorsichtig nähern.

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Eine Antwort to “Die Kunst des Möglichen”

  1. freidenker1 Says:

    Der Artikel gefällt mit. Viel Kunst und Philosophie könnt ihr auch in meiner neuen Freidenker Galerie finden. Über euren Besuch würde ich mich freuen.
    Rainer Ostendorf
    http://www.freidenker-galerie.de


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