Gewinnen und Verlieren in der Philosophie

2011/03/14

Der produktive „kontinentale“ Philosoph zeichnet sich dadurch aus, dass er eine Antwort auf eine Frage sucht, die niemand gestellt hat. Darin liegt seine Produktivität, aber auch sein Fluch: Vielleicht bleibt er der Einzige, der die Frage sieht – dann aber hat er oder ist er verloren. Er steht dann diesseits oder jenseits der Wissenschaftlichkeit und muss an seiner philosophischen Zurechnungsfähigkeit zweifeln.

Der produktive „analytische“ Philosoph zeichnet sich dadurch aus, dass er eine Antwort auf eine Frage vorschlägt, die eigentlich jedermann, der sich in der laufenden Debatte gut auskennt, stellen können müsste. Darin liegt seine Produktivität, aber auch sein Fluch: Vielleicht ist die Frage, die er mit allen wohlinformierten Diskutanten gemeinsam stellen kann, in Wahrheit eine philosophisch schlechte Frage – dann hat er aber trotzdem gewonnen. Denn er betreibt dann zumindest auf professionelle Weise „normal science“ und muss an seiner Zurechnungsfähigkeit nicht zweifeln.

Dies scheint ein Gleichnis über das Gewinnen und Verlieren in der Philosophie zu sein – man darf hier aber zuletzt Kafkas Gleichnis „Von den Gleichnissen“ bemühen, um die Unklarheit der Lage möglichst klar herauszustellen:

„Der erste sagte: ‚Du hast gewonnen‘.

Der zweite sagte: ‚Aber leider nur im Gleichnis.‘

Der erste sagte: ‚Nein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast du verloren.'“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: