Philosophisches Fragen

2011/01/04

Ein gutes Indiz für einen gutartigen professionellen Provinzialismus in der Philosophie ist die Art, wie man mit Fragestellungen umzugehen pflegt. Philosophie ist wahrscheinlich deswegen ein existenziell so prekäres Geschäft, weil man ohne eigene Frage in ihr gnadenlos verloren ist, zugleich aber eine solche Frage wie ein scheues Reh ist, das sich unseren Nachstellungen entzieht. Die philosophische Provinz wird durch eine eigene Frage gebildet, aber Fragen dieser Art sind nicht einfach vorab da und verfügbar, sondern man muss sie sich in der Philosophie heraklitisch erkämpfen. Und schon haben wir den feldkonstituierenden Zirkel: Wie soll man sich in der Philosophie eine Frage erkämpfen, wenn man doch ohne diese Frage in ihr gnadenlos verloren ist? Es ist ein dunkles Geschäft: Der Weg ist nur gangbar, wenn die Frage von Anfang an irgendwie dunkel wirksam ist, als ein unfassbares Telos. Die philosophische Frage – in diesem tiefsten Sinne als Movens der eigenen philosophierenden Bewegung – ist, so hart es auch klingen mag, ein Unbewusstes. Überdies droht die Nötigung zur Eigenheit stets ins Nur-Eigene einer Idiosynkrasie zu implodieren: der Ritter einer Provinz wird zum Ritter Ohne-Land, einer überaus traurigen und lächerlichen Gestalt. Denn die eigene Frage muss – wenn es sich um eine echte philosophische Frage handelt – von Anderen als solche auch anerkannt werden können: nicht ganz einfach, wenn sie topologisch primär als ein eigenes Unbewusstes auftritt!

Etwa so scheint mir die Frageerfahrung des Philosophierenden beschrieben werden zu müssen. Man könnte dem nun im Sinne der wissenschaftlichen Professionalisierungstendenz entgegnen: „Was für ein Unsinn! Das ist einfach nur eine Mystifizierung des philosophischen Fragens. Die gute Philosophie in Vergangenheit und Gegenwart zeichnet sich gerade aus, dass sie klare Fragestellungen verfolgt, eine Klarheit, die dazu führt, dass sich echte philosophische Diskussionen entfalten können, weil mehrere Menschen gemeinsam an einer geteilten Frage laborieren. Die heute weitgehend als relevant anerkannten philosophischen Fragestellungen lassen sich klar formulieren, man stelle sich doch nicht dümmer als man ist! Eine oder mehrere dieser Fragen sollte man sich durch Erarbeitung des Diskussionsstandes zu eigen machen: das sind dann die ‚eigenen Fragen‘; dazu braucht es einigen Scharfsinn und viel Fleiss, aber es ist bestimmt keine zu mystifizierende Kunst.“

Darin liegt eine Versuchung: die philosophische Qualität der Fragen anhand ihrer Klarheit zu bemessen. „Klarheit“ der Fragen heißt, kognitiv und sprachlich derart verfügbar zu sein, dass sie als Ausgangspunkt eines philosophischen Unternehmens fungieren können. Es stimmt schon, man kann die philosophische Arbeit so organisieren (die Philosophiegeschichte lief aber bestimmt nicht so). Wenn man das aber für eine philosophische Forderung hält, lügt man sich in die Tasche. Klarheit der Fragen ist in der Philosophie niemals Ausgangspunkt, sondern (Zwischen-)Resultat, und kann man den Weg zu diesem Resultat – leider – nicht im strikten Sinne gemeinsam gehen, man kann nur hoffen und auch darauf hinarbeiten, sich auf dem Weg öfters zu begegnen. Eine eingangs artikulierbare Fragestellung hat notwendigerweise einen Vorläufigkeitscharakter, man muss sie im rechten Moment liegen lassen wie ein kaputtes Spielzeug, wenns mit der eigenen Frage ernst wird. Es ist sogar traurig, wenn es einem Menschen gelingt, sich eine der vorab öffentlich artikulierbaren Fragestellungen vollständig ohne Mucken zu eigen zu machen, denn dann muss irgendeine unerhörte Magie im Spiel sein – durch den eigenen Vollzug des Denkens kann einem so etwas jedenfalls nicht gelingen…

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