Was ist „politisch“?

2009/12/05

These: Die spezifische Differenz, die eine Sprechhandlung zu einer „politischen“ macht, liegt darin, dass sie mit einem Repräsentationsanspruch verbunden ist: Der Sprecher „vertritt“ etwas im wörtlichen Sinne, d.h. er spricht und handelt stellvertretend für Gebilde (kontingente Personengruppen), die aus trivialontologischen Gründen nicht selbst sprechen können und denen daher über die Repräsentationsfunktion eine Stimme verliehen werden muss, damit sie ein handelndes „Subjekt“ sein können. Damit ist einfach nur gesagt, dass jede politische Veranstaltung (auch die „basisdemokratische“) mit Vertretungsansprüchen operieren muss und also die Transzendenz des Repräsentierens (hegelisch: die Vermittlung) nicht los wird – diese Einsicht feit uns zumindest vor dem radikaldemokratischen Mythos der Unmittelbarkeit, in dem die Illusion eines unmittelbar sich manifestierenden volonté de tous (Rousseau) einer bestimmten Gruppe genährt wird.

Der zweite Schritt: Man kann sich nun entscheiden, diese notwendig bei den politisch aktiven Personen gegebenen Vertretungsansprüche frei flottieren zu lassen. Doch dies wird eine politische Gruppe, die aufgrund ihrer kontingenten Existenzbedingungen ja gerade davon lebt, durch gelingende Repräsentation zu einem Handlungssubjekt zu werden, mittelfristig zerstören, denn die Repräsentationsansprüche der einzelnen „Vertreter“ geraten in Widerstreit, machen sich gegenseitig zunichte, wenn sie nicht durch eine Meta-Operation geregelt werden. Diese Meta-Operation ist die Institutionalisierung der Repräsentation durch Wahl: Die Gruppe macht sich zu einem stabilen, handlungsfähigen Subjekt, indem sie Vertreter wählt, denen damit die Macht übertragen wird, an Stelle der Gruppe zu sprechen und zu handeln. In Hegelscher Diktion erreichen wir damit eine „vermittelte Unmittelbarkeit“: Die gewählten Vertreter vertreten unmittelbar in allem, was sie als Vertreter sagen und tun, die Gruppe, selbst dann, wenn sich in der Gruppe ein Murren erhebt und sie sich nicht mehr vertreten zu fühlen beginnt. Diese Unmittelbarkeit des Gefühls gibt jetzt nicht mehr den Ausschlag, sie ist der Unmittelbarkeit der Vertretung unterlegen.

Diese Überlegungen sind auf das grundsätzliche Problem der aktuellen Studierendenproteste gemünzt: Das besetzende „Plenum“ enthält eine Mischung aus (im Vollzug widersprüchlicher) Repräsentationskritik und frei flottierender Repräsentation (in ihrer anmaßendsten Gestalt als vermeintlichem Sprachrohr „der Gesellschaft“), aber akzeptiert keine Institutionalisierung der Repräsentation. Eine solche Gruppierung kann als politisches Subjekt nicht ernst genommen werden, sondern zählt nur als nicht-subjekthaften, symptomatischen Ausdruck für einen tatsächlichen Missstand – wobei aber dann der Missstand natürlich möglicherweise ganz irgendwo anders zu entdecken ist, als es das Symptom will (z.B. in fehlenden Zugangsbeschränkungen, die eine vernünftige Studienplatzfinanzierung nach sich ziehen müssen und mehr commitment zwischen finanzierendem Staat, den Lehrenden und den Studierenden zur Folge haben sollten). Da sich dieser Protest nicht zu einem politischen Subjekt erheben kann, ist er eigentlich nur Ausdruck der Befindlichkeit einiger Menschen und wider Willen ganz unpolitisch. Spekulativ könnte man das als trostloses Resultat der (halb gelungenen) Entpolitisierung der Universitäten (durch die neue Organisationsstruktur des UG 2002) deuten…

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