Anti-Philosophie

2009/08/07

Bin heute auf ein neues Buch gestossen, dessen Thema mich angesprungen hat: Boris Groys, Einführung in die Anti-Philosophie. Nach aufmerksamer Lektüre des Einführungskapitels (das die Grundstellung des Autors offenbart; was folgt, sind verschiedentlich schon publizierte Gelegenheitsaufsätze ohne expliziten, explikativen Zusammenhang zur Anti-Philosophie – also sei ein Urteil jetzt schon erlaubt) werde ich das Buch aber vorerst weglegen, und zwar – wen’s interessiert… – aus folgendem Motiv.

Anti-Philosophie nennt Groys eine Wende innerhalb der Philosophie (beginnend v.a. mit Kierkegaard und Marx) bzw. eine Tendenz, die vielleicht von Anbeginn an in der Philosophie schlummert: die Aufgabe der kontemplativ-kritischen Einstellung zugunsten einer befehlend-handelnden Einstellung. Man denke illustrierend und modellhaft an die berühmte Feuerbach-These von Marx: Es komme nicht darauf an, die Welt zu verstehen, sondern sie zu verändern. Die Welt zeigt sich also erst dann in ihrer Wahrheit, wenn sie (z.B. im Sinne der Marxschen Humanisierung) verändert wurde. Deshalb: Befehlen statt kritisch verstehen. Der Befehl ist eigentlich immer (mit Sloterdijks Anthropotechnik-Ethik) ein asketischer Imperativ: Übe dein Leben so und so, dann kannst du als Sekundärtugend darauf hoffen, dass du die Wahrheit dadurch besser zu sagen und zu beurteilen imstande sein wirst! Dies ist im Sinne des unaufdringlichen, aber unvermeidlichen Initiationsmoments des philosophischen Denkens eine unbestreitbar wichtige Einsicht – nicht nur aus Sicht der Besorgungen des Lebens, sondern ebenso der Besorgungen des Denkens.

Sehr fragwürdig ist für mich allerdings die Groy’sche Variante dieser Einsicht: Die kontemplative Einstellung ist ihm eine konsumistische Einstellung (übrigens ohne diese Identifikation zu begründen), die Wahrheit, die die Philosophie sucht, wird in dieser Einstellung also zur Ware. Analog zur Avantgarde in der Kunst wäre also die Anti-Philosophie eine philosophische Bewegung, die die Warenförmigkeit der Wahrheit performativ sprengte. Statt zu prüfen und kritisch zu beurteilen, gehts dem Denkenden nun darum, dass er „einfach das nimmt, was ihm per Zufall in die Hände kommt: Bekanntschaften, Verliebtheiten, Bücher, Gespräche, Theorien, Religionen, Autoritäten und Wahrheiten. In diesem Fall verliert die Wahrheit ihre Warenform, denn sie wird nicht überprüft, sondern praktiziert – so wie man die Atmung praktiziert, indem man die Luft einatmet, die einen gerade umgibt“ (S. 12). Man produziert und liest dann noch am liebsten Texte als Handlungsanweisungen (die nahe liegende Management-Metapher wird von Groys dann später im Heidegger-Kapitel tatsächlich gebraucht): Der Text ist nicht mehr verstanden als der Ort, an dem die Wahrheit erscheint, sondern als die „Summe der Anweisungen für einen Leser, der aufgerufen wird, zu handeln statt zu denken“ (S. 15). Groys selbst will sich dabei übrigens vom Spiel des Imperativischen fernhalten („Post-Anti-Philosophie“), um stattdessen mit den Befehlserfüllungen und -verweigerungen „frei zu experimentieren“ (S. 16), sodass sich im Idealfall „die Opposition zwischen Befehlserfüllung und Befehlsverweigerung im unendlichen Spiel der Lebensmöglichkeiten auflöst“ (ebd.). Diese Einstellung, die ich als ästhetizistisch beschreiben würde (er betont schließlich die „imaginäre Perspektive des unendlichen Lebens, in der alle Lebensentscheidungen ihre Dringlichkeit verlieren“), expliziert er im übrigen methodisch in Rekurs auf Husserls phänomenologischer Reduktion.

Die Prämisse würde ich bestreiten, und daher Groys‘ Beschreibung der philosophischen Situation als ganzer: Die Wahrheit ist in der kontemplativen Einstellung nicht Ware. Das imperativische Moment steht nicht im Gegensatz zur Kontemplation (Theoria), sondern ist ihr integraler Bestandteil (Askesis, damit sich die Wahrheit in Leben wie auch in Text zeigen kann).

Advertisements

2 Antworten to “Anti-Philosophie”

  1. mirandolla Says:

    Zustimmung.

    Groys‘ Beschreibung anti-philosophischen Praktikers ist so gar in einem viel höheren Maße „konsumistisch“, wenn er einfach alles einatmet, was ihm gerade in die Hände fällt und Zerstreuung bietet. Das ist genau das Gegenteil dessen, was in der antiken Lebenskunsttradition als philosophische Praxis verstanden wird (Vgl. die Definitionen des „stultus“ bei Seneca!), für welche das unendliche Spiel der Lebensmöglichkeiten nicht ästhetisch durchlaufen werden soll, sondern durch am Leitfaden bestimmter Sätze und Fragestellungen erzeugte wahre Einsicht reduziert. Diese praktische Wandlung befähigt dann schon ihrerseits zur Wahrheit. Aber die Wahrheit ist das Woher und das Wohin, der Imperativ und das Ziel. Groys begeht hier, wie vermutlich die allermeisten gegenwärtigen Praxisverfechter im Denken, sogar Foucault würde ich sagen, ein Missverständnis, das ich als konstruktiven Ästhetiszismus bezeichnen würde. Die zentrale These heißt da in etwa: der Mensch konstruiert sich durch ein Spiel der Lebenserfahrungen, der Übungen, der Reflexion ein Selbst, die Konstruktion ist immer endlich, aphoristisch, irgendwie Herr im eigenen Haus, irgendwie nicht (zumeist eine unterschwelende Tradition der Psychoanalyse ist da im Spiel). Pierre Hadot zeigt aber sehr schön, dass die Lebensästhetik in der Antike stets „dekonstruktiv“ oder „abbauend“ zu verstehen ist, der Künstler „konstruiert“ keine Lebens-Statue oder so, sondern baut ab, wie es bei Michelangelo heißt, er befreie eine Skulptur aus viel Ballast, aus dem Stein. Der offensive Atheist Michel Onfray macht diesen Fehler, den Groys auch macht, hyperoffensichtlich und baut seine ganze Phil. drauf (ein Hauptwerk: la sculpture de soi …) Ach da gäbe es noch viel zu sagen …

  2. O.T. Says:

    Auch ich sehe Groys These der Warenform als in sich falsch und würde sie eher seiner eigenen Idee der Anti-Philosophie unterstellen. Es sind meiner Sicht nach die traurigen Folgen einer Universalisierung (und Aufnahme in den Universitären Kanon) des Französichen Denkens. Hier werden dann „Anti Ödipus“ und „Rhizome“ vereinfacht und aus ihrem historischen Kontext entfernt in den sie ebenso gehören wie Hegel oder Merx in den ihren. Das Dogma entsteht in der ahistorischen Leseweise und im selben Moment auch die grenzenlos freie Interpretation, das ist ungefähr das Gegenteil einer Anleitung zum Selberdenken. Die Begrenzungen des Selber-Denkens wären weit eher ein Thema, da es sich mit einem unangenehmeren zugleich genauer zu fassenden Menschenbild auseinandersetzen müsste, aber hierfür müsste genauer geredet werden, als es für solche Kommentare passt.
    Würde übrigens gerne lesen, was es von „Mirandolla“ noch vieles zu dem Thema zu sagen gäbe.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: