Der moralische Standpunkt

2009/02/15

Ein Phänomen, das einer näheren Untersuchung wert wäre: Eine Intensivierung des Gutseinswollens führt vielfach gerade nicht zum Komparativ des Besserseins, sondern vielmehr faktisch zum Schlechtersein; es gibt einen – mathematisch sicherlich nicht bestimmbaren – Moment, an dem der moralische Standpunkt, den man sich vielleicht wie dünnes Eis vorstellen muss, wegen Überlastung bricht, oder vielmehr: das angedeutete Phänomen sollte uns eher dazu führen, die Rede von einem moralischen Standpunkt in ganz praktischer Absicht (der Moral zu Ehren) überhaupt aufzugeben. Gutsein scheint sich nicht mit einem festen Standpunkt zu vertragen – das ist die ganze Schwierigkeit, in der einerseits schon die Verzweiflung und andererseits die Banalität des Bösen keimt. Jeder Standpunkt – auch und gerade der „rein moralische“ –  instrumentalisiert die Moral (phänomenologisch an den Rand gesagt: er gibt ihr einen Horizont, der ihre eigentümliche – uns allen noch rätselhafte –  Phänomenalität verformt). Und dabei ist hier die schwierige Beziehung zwischen Moral und Politik (ein Problem, das über einen bloßen immanenten Pragmatisierungs- und Realisierungsdruck des rein Moralischen weit hinausgeht), d.h. einer Moral, die einerseits rechtliche Freiräume und andererseits politische (idiosynkratische) Gestaltungsspielräume integriert,  noch gar nicht angesprochen. – Bleiben wir aber bei der reinen, „dichten“ Moral: was ist ihre „Logik“, d.h. wie wäre der ihr genuine Bewegungsmodus philosophisch zu beschreiben? Einer Antwort kann man sich vielleicht annähern, wenn man zuvor die Logik ihrer Standpunktisierung betrachtet: Das Gutseinwollen hat gleichsam eine innere Verfallstendenz zur Abstraktion und Selbst-Identifikation (wie Odo Marquard trefflich bemerkte: durch das hypermoralische „Gewissensein“ befreit man sich vom moralischen „Gewissenhaben“); es gebraucht sich selbst gleichsam als universellen Hebel, als Generalschlüssel, mit dem sich alle Türen öffnen, d.h. alle Diskurse beherrschen, lassen. Deshalb das „gute Gefühl“ der Moral: das Wörtchen „gut“ ist aber hier schon kein moralischer Qualifikator mehr. Die moralische Instanz zeichnet sich durch eine eigene Art von „Lustigkeit“ aus (Günther Grass: „… wir litten lustig an Deutschland.“). Vielleicht liegt aber dann das Geheimnis des Gutseins im richtigen „Gebrauch“ des Affektiven durch das moralische Wollen, also im rechten Bezug von Moral und Gefühl (ein Bezug, der das genuine Phänomen der Moralität konstituiert). Das kantische Kennwort hierzu lautet „Achtung“. Hier kann und soll weitergedacht werden…

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