John Dewey, Erfahrung und Natur

2008/10/19

Einige Randbemerkungen zum 1. Kapitel, „Erfahrung und philosophische Methode“. – Es ist schön, dass Dewey nicht „Handlung“ als sein Basiskonzept erwählt, wie man es von einem Pragmatisten befürchten muss. Damit soll keineswegs gesagt sein, dass nicht alles auf das Handeln hinauslaufen darf, sondern nur, dass „Handlung“ in der Philosophie vielleicht teleologisch als letzter Begriff, aber nicht als erster Begriff tauglich ist. Ich mache nicht Erfahrungen, weil ich handle, sondern: ich handle, weil ich Erfahrungen mache. Die Handlung ist Umgang mit Erfahrung. Damit haben wir unseren rechten Grundbegriff gefunden. Deweys „empirische“ oder „denotative“ philosophische Methode klagt ein, dass wir alle Resultate des Denkens in ihrer Bezüglichkeit zur „Primärerfahrung“ verstehen müssen. Das Denken ist fruchtbar, wenn es bereichernd zur Erfahrung zurückführt. Wir denken, um mehr und besser zu erfahren. Dies alles ist auch phänomenologisch eingängig. Etwas belastet wird die Einsicht bei Dewey durch die Analogie zur naturwissenschaftlichen Erfahrung, anhand deren er den Zusammenhang von Erfahrung und Denken entfaltet. Denn die Wissenschaft hat niemals das Interesse, sich auf die „reine“ Erfahrung zu öffnen, sondern immer nur auf eine solche, die den gedanklichen Entwurf einer Hypothese zu kontrollieren vermag; die Erfahrung selbst ist daher eine kontrollierte (Experiment). In Deweys philosophischer Methodik klingt genau dies nach, wenn er von der „selektiven Entscheidung“, dem „Interesse“, der „Wahl“ spricht, die in jeder Erfahrung involviert sind. Andererseits geht es Dewey genau darum, die „Roh-Erfahrung“ (in verschiedenen Ausdrücken: die „gewöhnliche Erfahrung“, die „Lebenserfahrung“, die „wirkliche Erfahrung“, die „alltägliche Erfahrung“; besonders wichtig: die „eigene Erfahrung“) als Ausgangspunkt des Denkens zu installieren, und da diese Erfahrung immer schon durch Reflexionsprodukte vergangener Zeiten überlagert ist, muss die Philosophie zu einer „Kritik der Vorurteile“ werden. Die phänomenologische Anfrage betrifft die Radikalität dieses Projekts der Erfahrungsoffenheit und die praktische Rolle, die das Denken dabei innehat. Bei Dewey klingt es bis jetzt ein wenig so, als dass die Roherfahrung (zwar in ihrer ungeheuren Vielfältigkeit) ein letztes Datum ist, dessen (zwar unerschöpfliche) Bedeutungsimplikationen das Denken entfaltet, und zwar – gerade aufgrund der potenziellen Unendlichkeit der Erfahrungsbedeutung – in Hinblick auf ein bestimmtes Interesse. Die Philosophie gemäß „empirischer Methode“ baut die Vorurteile also nicht in Hinblick auf eine reine Erfahrungsoffenheit ab, sondern weniger radikal in Hinblick auf das Transparentwerden des Interesses, mit der die Erfahrung durchforstet wird. Freilich kann man sagen, dass die Idee einer Öffnung auf „reine Erfahrung“ ein Hybrid ist; aber wenn es wirklich um Erfahrungsgehalte geht, muss diese Idee – als vielleicht unerreichbarer regulativer focus imaginarius (Kant) – leitend sein. Erfahrung ist nicht einfach eine vielfältige unmittelbare Gegebenheit, die das Denken dann nur mehr bereichernd auszulegen hat, sondern ist selbst noch der Kritik fähig und bedürftig. Deshalb ließe sich die praktische Rolle des Denkens auch noch etwas anders sehen: seine Wirksamkeit beträfe nicht nur die der Explikation von Bedeutungsimplikationen, mit dem Resultat einer modifizierten, reflexiv gewordenen „Sekundärerfahrung“; sondern sie könnte die Erfahrung in ihrer Selbstgegebenheit selbst noch vertiefen (nicht nur „bereichern“). Dahinter steckt natürlich die phänomenologische Idee, dass sich die „Primärerfahrung“ aus ihrer natürlichen Einstellung (wo sie bei Dewey vermutlich festsitzt) herauslösen lässt – mittels einer phänomenologischen Epoché, die sich mit der Dewey’schen Kritik der Vorurteile nicht zufrieden gibt. Damit ist im übrigen noch nicht der mögliche Handlungsbezug preisgegeben, sondern nur grundlegend problematischer gesehen: Was wäre, wenn das Denken die Macht hätte, nicht nur die Primärerfahrung in eine Handlung zu übersetzen, sondern darüber hinaus die Erfahrung allererst zu sich selbst (in ihrer bedeutungsschwangeren „Rohheit“) zu bringen? Wer dächte dann „praktischer“ und „pragmatischer“?

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