Gefährdungen: Philophilosophie
2012/02/15
Die Gefährdung der Philosophie liegt, von einer anderen Seite betrachtet, in dem, was man “Philophilosophie” nennen könnte: Die das Denken belebende Liebe hat dann nicht mehr den Zug zur sophia, zur erfüllenden Einsicht, ist nicht mehr Philo-sophie – das Geliebte ist nicht mehr die Weisheit, sondern die Liebe zur Weisheit selbst (Philo-philo-sophie). Aus dem Alltagsleben kennt man die Pathologien, die dem Verliebtsein ins Verliebtsein entspringen… Analog dazu hier: Wer die Liebe zur Weisheit liebt, liebt die Weisheit schon nicht mehr. Das ist nur eine andere Weise, um das Paradox der Institutionalisierung zum Ausdruck zu bringen, das die Philosophie gefährdet.
In der Logik des Denkens steckt jedoch eine ganze andere Tendenz, die nicht auf Stillstellung der Unerfülltheit, sondern auf Erfüllung dringt: Die Philosophie zielt darauf ab, “ihren Namen der Liebe zum Wissen ablegen zu können und wirkliches Wissen zu sein” (Hegel, Vorrede zur Phänomenologie des Geistes), und “wenn (die Philosophie) nur einmal Wissenschaft geworden wäre, (würde sie) nicht ohne Fug einen Namen ablegen, den sie aus einer keineswegs übertriebenen Bescheidenheit bisher geführt hat – den Namen einer Kennerei, einer Liebhaberei, eines Dilettantismus” (Fichte, Über den Begriff der Wissenschaftslehre, § 1). Hierin steckt die wesengemäße, sozusagen lebensechte Gefährung des Denkens: in Erfüllungsphantasien irre zu gehen – groß zu denken und dabei möglicherweise groß zu irren.
Diese zweite Gefährdung gehört, scheint mir, zum Wesen der Philosophie – d.h. sie liegt in der Logik des Vollzugs des Denkens -, während die erst genannte Gefährung, in der die riskante Denkbewegung bequem substituiert wird, nur ihr Symptom ist. Denn die Schwierigkeit besteht eigentlich darin, die originäre Lebens-Spannung aufrecht zu erhalten: ein wackerer Dilettant zu bleiben, ohne zum bloßen Liebhaber zu verkommen und ohne es sich in erworbenem Wissen (in den Ablagerungen des Gewussten) gemütlich zu machen.