Hermeneutik des Fremden?

2011/10/06

Ein Verdacht: Wer gegen Gadamers Hermeneutik einwendet, dass sie dem radikal Fremden nicht gerecht werde, geht eigentlich von einer romantischen Spielart von Hermeneutik aus, die gedanklich bei einem eingekapselten Subjekt ansetzt, das bei sich ist und dem auf dieser Basis das “Fremde” als ein (unauflösliches) Verstehensproblem begegnet. Dagegen scheint mir Gadamer vielmehr auf eine Art hermeneutischen “Paradigmenwechsel” abzuzielen, nach dessen Vollzug eine solche Dialektik des Eigenen und des Fremden nicht mehr im Zentrum stehen kann: Für die Beschreibung der hermeneutische Erfahrung, um die es Gadamer geht, macht diese Entgegensetzung von Identität und Andersheit überhaupt keinen Sinn mehr; die Aporien rund um das Fremde lösen sich schlicht in Luft auf, wenn Gadamer die Problematik auf den alten “Teilhabe”-Gedanken umschaltet. Böse gesagt, man wird aus all dem den Verdacht nicht los, dass “Fremdheit” philosophisch gar kein besonders tauglicher Begriff ist…

2 Antworten zu „Hermeneutik des Fremden?“


  1. Gadamer selbst hat mit dem Begriff “Fremdheit” grundsätzlich wenig Probleme und dauernd ist davon die Rede. Etwa wenn er die Literatur “die ins Fremdeste entäußerte Verständlichkeit des Geistes” nennt. Und kann man folgendes nicht mit gutem Recht nicht doch “Dialektik des eigenen und des Fremden” nennen?

    “Verständigung im Gespräch schließt ein, daß die Partner für dieselbe bereit sind und versuchen, das Fremde und Gegnerische bei sich selber gelten zu lassen. Wenn das gegenseitig geschieht und jeder der Partner, indem er gleichzeitig seine eigenen Gründe festhält, die Gegengründe miterwägt, kann man schließlich in einer unmerklichen und unwillkürlichen Wechselübertragung der Gesichtspunkte (wir nennen das Austausch der Meinungen) zu einer gemeinsamen Sprache und einem gemeinsamen Spruch gelangen.
    [...]
    Fremd sind [...] in Wahrheit alle >Gegenstände<, mit denen es die traditionelle Hermeneutik zu tun hat."(WuM, S.390f.)

    • picodella Sagt:

      Ja, Gadamer kennt kein spezifisches Problem der Fremdheit – genau das würden ihm aber die Vertreter des “Fremden”, wie etwa Waldenfels, zum Vorwurf machen. Im Beitrag wollte ich hingegen andeuten, dass es einen Vorzug hat, mit Gadamer nicht bei der Entgegensetzung von Eigenem und Fremden anzusetzen: Die im Zitat behandelte Gesprächssituation, in der Eigenes auf Fremdes trifft, scheint mir nicht die Wurzel der Sache zu treffen; die Wurzel liegt doch im wirkungsgeschichtlichen (Bewusst-)sein, auf dessen Basis allererst Gespräche gelingen können, und wirkungsgeschichtliches Bewusstsein heißt eigentlich: Universalisierung des Fremden, d.h. auch ich, auch “mein Eigenes” als mir Gewordenes, ist mir fremd und muss allererst über eine geschichtliche Vermittlung angeeignet werden. Die mit der gemeinsamen Teilhabe an der Wirkungsgeschichte einhergehende Universalisierung des Fremden schaltet so gerade die Dialektik des Eigenen und Fremden, jedenfalls an der Wurzel, aus – mit der Marginalisierung dieser Dialektik scheint aber auch der Begriff des Fremden überhaupt seine zentrale Rolle zu verlieren. Das deutlichste Indiz dafür: Gadamer bringt generell kein Pathos des Fremden zum Ausdruck, sondern viel eher ein Pathos der Vertrautheit. Deshalb der letzte Satz im Zitat: Fremdheit ist der hermeneutische Regelfall; das Erstaunliche ist nicht die Fremdheit, sondern die in der Fremdheit durchscheinende Vertrautheit, die uns verstehen lässt.


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