Aus dem Morgengebet des aufgeklärten Bürgers
2011/09/30
Eine exemplarische Pressemitteilung aus dem Reich der Hirnforschung: Forscher finden anhand der Untersuchung der elektronischen Aktivität von Rattenhirnen heraus, “dass Erinnerungen in separaten Päckchen kommen”, was dem uns allen bekannten “Hotelzimmer-Effekt” einer augenblicklichen Verwirrung zugrunde liegen soll.
Nichts gegen die neurowissenschaftliche Aufklärung von funktionalen Zusammenhängen zwischen Erleben (Verwirrung) und Hirnaktivität; aber bedenklich, wie solche Untersuchungen üblicherweise in der Öffentlichkeit ankommen: “Hirnstudie zeigt Gründe (!) für kurzzeitige Verwirrung”, heißt es in der Überschrift. Und der zuständige norwegische Forscher namens Moser soll gesagt haben: “Wir fangen jetzt an, einen kleinen Einblick in die Mechanismen zu erhalten, die unsere Gedankenwelt steuern (!).”
Dass wir geneigt sind, solche waghalsigen oder vielmehr unsinnigen Behauptungen, die in jeder beliebigen Pressemitteilung zur Hirnforschung zu finden sind, zumeist einfach so hinzunehmen, zeigt nur, wie bescheiden unsere Ansprüche auf Verstehen mittlerweile geworden sind. Dabei müsste man sich doch eigentlich eingestehen: Hier wird keinerlei Schritt des Verstehens gemacht, auch nicht der minimalste – hier werden die Gründe für “unsere Gedankenwelt” und ihre “Verwirrungen” nicht einmal tangiert. Es würde genügen, die Anfangspassagen von Prousts Recherche zu lesen, um unendlich viel mehr über die Gründe des “Hotelzimmer-Effekts” zu erfahren.