Der Phänomenologe und das Meer

2010/09/21

Eine Maxime für den Umgang mit Philosophen: Misstraue den Philosophen, wenn sie über Wasser sprechen, denn sie wissen nicht, was sie tun…

Man kennt etwa das Putnam’sche Gedankenexperiment von der “Zwillingserde”, in der das, was wir “Wasser” nennen, leider nicht die chemische Struktur H2O hat; aber das, was wir “Wasser” nennen, hat notwendigerweise die H2O-Struktur; also ist das, was auf Erde und Zwillingserde “Wasser” genannt wird, jeweils ein Verschiedenes, obzwar alle phänomenalen Eigenschaften gleich sind. Oder nehmen wir John Searle in seiner Philosophy-of-Mind-Vorlesung (podcast): Da wird beiläufig – im Kontext der Anwendung der Kripke’schen “rigid designators” auf das Mind-Body-Problem – Wasser und H2O eine notwendige Identität zugesprochen und die H2O-Struktur als Wesensmerkmal (essential feature) von Wasser bezeichnet.

Aber ist denn Wasser H2O? Das geruchlos-farblos Feuchte, das unsere Meere ausmacht, hat gewiss diese chemische Struktur; aber können wir für das gerade gebrauchte Wörtlein “ist” getrost das Zeichen “=” einsetzen?  Wenn wir sagen, dass die Wissenschaft im 18. Jh. herausgefunden hat, “dass Wasser H2O ist“, meinen wir eigentlich, dass das, was wir aus unserer Lebenswelt kennen und zuvor und immer noch “Wasser” nennen, die Eigenschaft hat, die H2O-Struktur zu besitzen. Aber keine Rede von “Identität” des einen mit dem anderen und keine Rede vom “Wesen” des Wassers: Diese Reden enthalten Spekulationen, die einer experimentellen Naturwissenschaft nicht gut anstehen, und so soll auch der die Naturwissenschaft gebrauchende Philosoph davon schweigen.

Wenn wir fragen: Was “ist” Wasser? wollen wir nicht wissen, mit welchem Stoff unser lebensweltliches Wasser identisch ist. Dass Wasser aus H2O besteht, mag eine elementare Eigenschaft sein (elementar, weil sich aus dieser Summeneigenschaft viele weitere Eigenschaften ableiten lassen, im Unterschied etwa zu der Mengeneigenschaft “1 liter”); aber diese Eigenschaft zu kennen, genügt nicht, um zu wissen, was Wasser ist. Wenn Searle die bekannten Argumente gegen die materialistische Reduktion des Bewusstseins (Nagels “Fledermaus”, Jacksons “Mary” und sein eigenes “chinesisches Zimmer”) ins Feld führt, jedoch wie selbstverständlich in Abhebung von natürlichen Gegenständen, bei denen die materialistische Identitätsthese gelte (eben Wasser = notwendig und wesentlich H2O), bin ich eher geneigt, den Spieß umzudrehen und das Anwendungsgebiet der antimaterialistischen Argumente zu universalisieren: Das Rätsel der Nicht-Identität betrifft nicht nur das Bewusstsein (das erstpersonale Erleben), sondern in selbem Maße (und korrelativ dazu) die lebensweltlichen Gegenstände. Denn alles, was ich wissenschaftlich über das Wasser je erfahren kann, ließe mich doch im Unwissen darüber, wie Wasser ist, d.h. wie es lebensweltlich gegeben ist. Das Entscheidende also entginge mir, gerade das, auf dem sich vielleicht eine Wesenserkenntnis (“was ist Wasser?”) aufbauen ließe.

Das Zwillingserde-Gedankenexperiment muss deshalb anders aufgeschlüsselt werden: Würde auf der Zwillingserde das lebensweltlich gegebene Wasser eine andere chemische Struktur haben als bei uns, würden wir phänomenologischen Erdlinge nicht sagen: “Das ist nicht Wasser!”, sondern dem Primat der Lebenswelt treu bleiben: “Aha, sehr interessant, geradezu verblüffend: dieses Wasser hat eine andere chemische Struktur!”. Um so schlimmer für das gegenwärtige Paradigma der chemischen Wissenschaft, aber um so interessanter für den Wissenschaftler: Diese Entdeckung müsste eine fundamentale Grundlagenkrisis der Chemie auslösen. Wenn das unplausibel klingt, dann nur deshalb, weil das Gedankenexperiment auf ontologisch fragwürdigen Bedingungen beruht (ein gutes Beispiel dafür, welch fatale Wirkungen die bloß logische Möglichkeit - die ontologisch sorglose bloße Denkbarkeit - in Gedankenexperimenten hat).

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