Universität als Grenzort

2009/11/17

In seinem (nicht tagesaktuellen) Beitrag “Universität als Grenzort” (siehe Grenzen der Normalisierung) stellt uns Bernhard Waldenfels die Universität als einen Grenzort vor, “wo die Normalität des ordentlichen Lernens und Wissens überschritten wird durch ein Übermaß des Außerordentlichen und Anomalen” (S. 303). Es geht ihm um “Überschüsse” über das normale Forschen bzw. Lehren/Lernen, die das Spezifikum der Universität ausmachen.

Diese Auffassung wird man gerne teilen; nur kann man sich in jener groben Frage uneinig sein, die bei Waldenfels leider gar nicht zur Sprache kommt (weil es sich für ihn vermutlich um eine Selbstverständlichkeit handelt), nämlich: wie werden jene Überschüsse über das normale Wissen “produziert”? In seiner Polemik gegen die neuen “Reizwörter” (“Module”, “Evaluation” usw.) kann man leicht heraushören, dass er der Auffassung ist, dass die neueren unipolitischen Tendenzen der Produktion der Überschüsse zuwiderläuft. Das muss aber wohl heißen, dass es früher besser war, dass also die großen individuellen Freiheiten sowohl der Lehrenden als auch der Lernenden die “Produktion” des Überschusses besser vorbereiten.

Das muss aber nicht so sein. In dieser Auffassung liegt vielleicht eine Naivität, die Waldenfels an anderer Stelle deutlich vermeidet: Die Naivität läge darin zu meinen, das “Anomale” unter Ausschaltung des “Normalen” produzieren zu können, und diese Naivität kehrt überall dort wieder, wo die Opposition von “normal” und “anormal” eine diskursiv tragende Rolle bekommt; aber andernorts macht Waldenfels eben darauf aufmerksam, dass das Anomale nur innerhalb des Normalen zu haben ist (hier bezüglich des Forschens): Überschüsse “zeigen sich als Überschüsse innerhalb jener technisch und praktisch orientierten Forschung”, und – auf Thomas Kuhn verweisend: “die Revolutionierung vollzieht sich nicht jenseits der normalen Wissenschaft, sondern in ihrer Mitte” (S. 296). Deshalb muss Waldenfels an diesem Ort eine neue wichtige Unterscheidung einführen, und zwar die zwischen “normal” (Normalität, die die Krise immer in sich trägt)  und “normalisiert” (Normalität, die sich gegen die aus ihren eigenen Tiefen emporsteigende Krise immunisiert).

Wenn wir das verstehen, dann kann es uns aber nicht mehr ernstlich um die direkte Produktion des Anormalen, des Überschusses gehen, und also auch nicht mehr um Argumente, die die institutionalisierbaren Mittel benennen wollen, um den Zweck “Überschuss” ins Werk zu setzen. Dieser Einwand trifft aber die “Freie-Bildung”-Protestbewegung genau so wie die bolognialisierten Elite-Produzenten: Wenn “Bildung” für den “Überschuss” steht, was man leicht zugestehen wird, dann läuft die Auffassung des Protests darauf hinaus, dass man durch institutionalisierte Freiheiten den Überschuss namens Bildung besser erzielen könne. Dies halte ich für naiv.

Wenn es aber stimmt, dass der Überschuss nur in der Normalität des Forschens und Lehrens/Lernens statt haben kann, scheint mir es im Gegenteil weitaus konsequenter, für die “interne Normalität” einer Disziplin einzutreten, um sie gegen die zeittypischen ökonomischen und politischen Kolonialisierungstendenzen zu stärken. In der Philosophie soll nichts anderes als ein philosophisches Ethos herrschen – dieses Ideal ist in Wahrheit völlig unabhängig von den berüchtigten Bologna-Strukturen; in einer ironischen historischen Situation ist es gerade eine vernünftige Umsetzung des Bologna-Plans, der das fachimmanente Ethos stärkt: das “Normale” des Lehrens und Forschens, in dem der Überschuss immer seine Gegenwart verrät, sei es auch oft genug ex negativo. Ein Indiz für eine solche lebendige Normalität läge vielleicht in der “Gegenwendigkeit” des Forschens und Lehrens, wenn sich also die nicht-harmonisierbare Spannung der beiden Grundtätigkeiten aufrecht erhält. Meine These ist, dass sich gerade die Disziplin der Philosophie durch Akzentuierung ihrer einschlägigen Nicht-Lehrbarkeit, Nicht-Lernbarkeit und Nicht-Verwertbarkeit dieser Spannung gerne beraubt, um es sich im ent-spannenden Eck der vanitas und des Nutzlosen gemütlich zu machen, und dass es also dem Philosophieren eigentlich ganz gut bekommt, wenn es am Versuch der Umsetzung von “Lehr- und Lerninhalten” verzweifelt – genau dies ist ja ein authentischer Ausdruck des Spannungsverhältnisses, das wir brauchen. Bologna also als Chance.

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