Auf der Homepage des Alber-Verlags kann das 1. Kapitel des neuesten Einführungsbuches von Hermann Schmitz in seine ‘Neue Phänomenologie’ gelesen und heruntergeladen (pdf) werden. Man darf sich aus diesem Anlass wieder einmal fragen: Was ist von dieser ‘Neuen Phänomenologie’ zu halten?

Sie kommt zuerst einmal ziemlich unsympathisch daher: personal fixiert, sich selbst maßlos überschätzend. So ein Auftritt lässt gleich zu Beginn Zweifel über die philosophische Qualität aufkommen, Zweifel, die dann eigentlich gleich bestätigt werden: Das Neue an der Neuen Phänomenologie besteht offenbar darin, dass sie den Erfahrungsbezug, der das Lebenselement aller Phänomenologie ausmacht, von vornherein empirisch vereindeutigt/verflacht und allein auf praktische Auswertung hin thematisiert. Eigentlich handelt es sich darin um eine Phänomenologie ohne Epoché und ohne phänomenologische Reduktion, also um eine Philosophie für Nicht-Philosophen: Die natürlichen Gewissheiten werden nicht außer Geltung gesetzt, sondern im Gegenteil stehen alle gedanklichen Bemühungen im Dienste ihrer praktischen Ermächtigung. An der Oberfläche geht dies mit einem kritischen Gestus gegen die modernen Naturwissenschaften einher, aber paradoxerweise scheint das Verhältnis zu den Wissenschaften in Wahrheit ganz unkritisch zu sein, da sich die ‘Neue Phänomenologie’ wundersam multikompatibel erweist und allerlei Anwendungen in den verschiedensten Wissenschaftsfeldern erlaubt. Dies wird erklärlich, wenn man merkt, dass es der ‘Neuen Phänomenologie’ nicht um eine – als ‘Konstruktion’ verunglimpfte – theoretische Tiefenanalyse geht, die eventuell an den Fundamenten der Wissenschaften rühren könnte (etwa wie in Husserls Lebensweltanalysen), sondern um eine offene Summe für sich bestehender ‘Sachverhalte’ bzw. ‘Tatsachen’ der ‘unwillkürlichen’ Lebenserfahrung, ohne dass dabei das theoretische Bedürfnis entstünde, in Tiefenstrukturen (die natürlich nur methodisch einem durch Epoché und phänomenologischer Reduktion bedingten Einstellungswandel zugänglich wären) einzudringen und etwa zu fragen: Was macht die Tatsächlichkeit einer Tatsache aus? Für Schmitz hingegen ist die „Leitfrage der Phänomenologie“ (und zugleich die „Grundfrage der Philosophie“): „Was muss ich gelten lassen?“ (S. 11f.), d.h. es geht ihm um die Konstatierung von Tatsachen (in Hinblick auf praktische Lebensbereicherung), nicht um das Verstehen der Tatsache als Tatsache – diese Art zu fragen würde er großzügig unter die eitlen Versuche der „spekulativen Konstruktion des Universums“ (S. 9) subsumieren, die nun den Wissenschaften zu überlassen ist.

Man kann hieraus wenigstens eine Fabel ziehen, die einem über den vernachlässigbaren Anlassfall hinaus einige Belehrung gibt. Denn Schmitz’ ‘Neue Phänomenologie’ scheint mir auf einem typischen Fehlschluss zu beruhen, der oft von ‘Praktikern’ gegen die theoretische Philosophie ins Feld geführt wird: Wenn man sich darüber einig ist, dass philosophische Gedankenarbeit praktische Konsequenzen zeitigen sollte, um als relevant gelten zu dürfen, dann schließen die Praktiker (zu denen auch H. Schmitz zu zählen ist) daraus, dass die Philosophie unmittelbar auf die menschliche Praxis ausgerichtet werden muss. Dies ist ein Fehlschluss, da übersehen wird, dass echte Philosophie immer mit einer Art Epoché und einer Art Einstellungswandel zu tun hat, die in sich eine – allerdings unberechenbare – Praktizität der Philosophie keimhaft in sich tragen. Eine unmittelbar praktische Philosophie kennt keine epochalen Enthaltungen und Wandlungen, keine Revolutionen der Denkungsart; aber gerade diese Ausgeburten der ‘Theorie’ eröffnen die genuin philosophische Dimension des Praktischen, von denen sich also eine reflektierte praktische Philosophie abhängig verstehen muss. Alles andere, was als unmittelbar praktische Philosophie daher kommt, ließe sich leicht und ohne Verlust durch etwas Nicht-Philosophisches (etwa Therapien und  Lebenslehren verschiedenster Inspiration) ersetzen, und zwar letztlich deswegen, weil es selbst in Wahrheit etwas Nicht-Philosophisches ist.


Eine Antwort zu „Neue Phänomenologie? Praktische Philosophie, neuer Versuch!“

  1. mirandolla Sagt:

    2,3 Anmerkungen aus der Hüfte

    Ich teile die Ansicht, dass die „Neue Ph.“ wenig sympathisch und personenzentriert daher kommt – dieses Sympthieproblem teilt sie jedoch mit allen einschlägigen Kreisen, die der „alten Ph.“ zugeneigt sind und die in jedem zweiten Satz auf Husserl oder Heidegger meinen verweisen zu müssen.

    Unabhängig davon ist es vermutlich zu einfach aus einer Vorrede, noch dazu für eine Publikation, die offensichtlich der breitenwirksameren Einführung dient, (voreilige) Schlüsse über die theoretische Potenzen der vorgestellten Philosophie zu ziehen. Solche Urteile sollten aus der Darlegung und Analyse der Gedankengänge selbst hervor gehen. Schmitz’ Philosophie erarbeitet sehr wohl eine Tiefenanalyse der Erfahrung bzw. der Welt, ihm sit nicht um eine offene Summe von Tatsachen der unwillkürlichen Lebenserfahrung, sondern um deren STRUKTUR zu tun, also mit dem was die Tatsachen wesenhaft zu Tatsachen macht. Außerdem steht die Frage „Was muss ich gelten lassen?“ ja nicht in Opposition zu der Frage nach der Tatsächlichkeit der Tatsachen, da zweitere Fragerichtung die Voraussetzung zur Beantwortung der ersten angibt. Schmitz’ Phil. ist nicht „unmittelbar praktisch“ ausgerichtet, sondern genauso ein Akt der Theorie, also des Verstehens um des Verstehens willen, wie jede andere philosophische Bemühung, er gibt ja keine Ratschläge fürs Leben oder stellt Normen auf u. dgl., sondern klärt die Struktur der Erfahrung. Dass er seiner Art einer solchen Klärung einen anderen (epistemischen/ontologischen) Status zuschreibt als den Ergebnissen der klassichen Phän., das ist zunächst legitim, dass seine Überlegungen weiter sowohl in einem kritischen als auch kommunizierbaren Verhältnis zu den (Natur)Wissenschaften stehen und überhaupt lebenspraktische Anbindung leichter erlauben – das kann ich prima vista eigentlich auch nicht als Schwäche verbuchen.
    Schmitz präsentiert keine „unmittelbar praktische Philosophie“ – was ohnehin ein Unding ist, weil unmittelbar praktisch ist nix außer „die Tat“ selbst – sondern eine „Theorie“, eine Verstehensbemühung der Erfahrung, die vor dieser, wie alle Philosophie, einen Schritt zurück tritt und das „gedankenlose“ Dahinstreben auf seine tieferen Strukturen zu befragen: Epoché.
    „Praktiker“ schließen übrigens nicht, dass Philosophie auf Praxis unmittelbar aus sein muss, geben aber Acht darauf, dass die theoria das Tun eines nicht nur theoretischen, sondern auch „praktischen“ Wesens ist. Das lässt sich nicht nur mit praktischen Zielen Begründen, sondern auch mit dem Hinweis, dass sich das Denken selbst ohne diesen Einbezug nicht adäquat verstehen kann. Deswegen darf man ruhig die strikte Opposition von Philosophen und Nicht-Philosophen hinterfragen bzw. um Differenzierung diesbezüglich bitten.


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