Werner Flach, Die Idee der Transzendentalphilosophie, Würzburg 2002.
Das Genie Kants treibt gar manch seltsame Blüten heraus, zu diesen gehört das Buch von Flach. Es handelt sich um einen späten (Neu-)Kantianer, der an Kants theoretischer Philosophie, die er als Grundlegungs- und Letztbegründungslehre auffasst, nichts auszusetzen findet, bis auf einen Punkt: „Es gibt eine dunkle Stelle. Diese dunkle Stelle betrifft die Komplementarität von Konstitutivität und Regulativität in der Erkenntnisprinzipation.“ (S. 195) Hier setzen wohl – und zu Recht – seine eigenen Versuche an, über die man in diesem Buche allerdings nichts erfährt. Das Übrige ist ein systematisch orientierter Gang (dreifach gegliedert durch die Separierung von „Problemgehalt“, „Methodengehalt“ und „Argumentationsgehalt“) durch die Kritik der reinen Vernunft, der in seinem strengen Textbezug irgendwie imponiert, aber zugleich auch kläglich wirkt: imponiert, weil die systematische Verdichtung auf eine beträchtliche Gedankeninvestition hinweist; kläglich, weil die Flugkurve der Gedanken dabei ‘flach’ bleibt, insofern es nur zu einer rigideren, vereindeutigenden, teils verflachenden Fassung „des“ Kantschen transzendentalen Gedankens führt – die Vielstimmigkeit pluraler transzendentaler Gedanken wird von vornherein programmatisch ausgeschlossen -, und nicht zu einer lebendigen Ausandersetzung mit dem Kantschen Text, wie man sie paradigmatisch etwa von Heideggers Kant-Buch her kennt und schätzen muss.
Das Buch bringt kein eigenes argumentatives Gewicht auf – es finden sich Sätze wie diese: „Es gibt keine Grundlegung außerhalb, neben oder vor der Grundlegung. Der Gedanke einer eigenen Grundlegung der Philosophie, der z.B. unter dem Titel der Logik der Philosophie in Kant-kritischer Tendenz Verbreitung gefunden hat, ist gemäß der Kantischen Grundlegungskonzeption nicht nur überflüssig, sondern abwegig.“ (S. 196) Man würde sich wünschen, dass sich an solche Behauptungen eine Diskussion anschließen würde (hier wohl in Anschluss an Emil Lask, der die Idee einer „Logik der Philosophie“ aufgebracht hat und – so ist zu vermuten – in der Art seiner Fragestellung an Kant auch Heideggers Zugang zu Kant geprägt hat – eine Familienähnlichkeit ist jedenfalls festzustellen) – aber davon findet sich nichts. Aber gerade ein solcher Versuch, die glatte Konsistenz von Kants Lehre herauszustellen, steht unter Sinnlosigkeitsverdacht und ruft förmlich nach einer Transzendierung des Standpunktes in einer Logik der Philosophie: Denn der Eindruck, dass alles trotz gegebener Konsistenz ganz anders sein könnte, dass also die Philosophie ganz anders verfahren dürfte, sogar dass der Kantsche Text einem kritischeren, fragenderen Zugang ganz anderes und Tieferes offenbaren könnte, ist bei der Lektüre mit Händen greifbar.
Zuletzt seien einige bleibende neuralgische Punkte der Kritik der reinen Vernunft, die von Flach verwischt werden (in Gestalt vermeintlicher Apologien, die der Sache Kants letztlich nicht dienlich sind), genannt:
- das Verhältnis von formaler und transzendentaler Logik in der transzendentalen Deduktion (erster Schritt: die metaphysische Deduktion sei integraler Bestandteil der Argumentation der transzendentalen Deduktion – so weit, so akzeptabel; aber zweiter Schritt: die transzendentale Logik integriere und begründe die formale Logik, die zuvor als Leitfaden für die Entdeckung der Verstandesbegriffe gedient hat – dies ist eine bloße Behauptung, die die Seltsamkeit, dass die formale Logik als allgemeine Logik im argumentativen Gang Kants faktisch vorausgesetzt wird, harmonisierend unter den Tisch fallen lassen möchte, vgl. dazu später auch das Verhältnis des obersten Prinzips aller analytischen Urteile mit dem obersten Prinzip aller synthetischen Urteile, wo deutlich die Überordnung der formalen allgemeinen Logik gegenüber der transzendentalen Logik hervorgeht – genau darin liegt aber ein tiefgreifendes Problem, das nicht verdunkelt, sondern erhellt werden sollte);
- das Verhältnis von „subjektiver“ und „objektiver“ Seite der Deduktion, die Kant im Vorwort der ersten Ausgabe (A XVI) anspricht (Flach interpretiert die subjektive Deduktion als „Nebensache“ (S. 61), und dies lässt sich noch verstehen, wenn man die abwertende Konnotation herausnimmt, die nicht im Sinne Kants ist; aber er versteht diese subjektive Seite als „Nachweis des Zusammenspiels der Erkenntniskräfte“, und dies ist eindeutig falsch, denn Kant geht es ausdrücklich um den Quellgrund des Vermögens des Denkens, der reinen Vernunft – damit tut sich die Dimension einer ungeheuren Fragestellung auf, über die Kant nie Herr geworden ist, worin aber seine wahre Größe sichtbar wird);
- die Funktion des Schematismus-Kapitels (Flachs Intention ist es, das im Schema-Problem liegende Problem des Verhältnisses von Verstand und Einbildungskraft vereindeutigend und verflachend als bloßes Anwendungsproblem der reinen Verstandesbegriffe für die empirische Begriffsbildung aufzufassen, sodass das für die Fundamentalproblematik (subjektive Deduktion) aufregende Faktum, dass nämlich der reine Verstandesbegriff in Wirklichkeit nur als schematisierter als Kategorie fungiert, beiläufig unter den Tisch gekehrt wird – einhergehend mit der üblichen Klage über die Unausgereiftheit des Schematismuskapitels, einer Klage, der bereits Heidegger entschieden entgegen getreten ist).