Lektüren im Zustand des Flüssigen – das sind Gelegenheitslektüren, die ohne systematischen Hintergedanken zustande kommen und die man sich im akademischen Milieu wohl nur als „Junger“ leisten kann, der noch Orientierung sucht und nicht verwerten muss.

Gilles Deleuze’s Buch über Henri Bergson (Hamburg: Junius 1989,; frz. Le Bergsonisme. Paris: PUF 1966) ist eine wunderbare Gesamtschau von Bergson’s Philosophie: philosophisch tiefdringend, auf methodische und begriffliche Strategien fokussiert, um größte Klarheit bemüht. Dennoch gibt es ein Problem: Es handelt sich gewissermaßen um eine ‘zweite Lektüre’ (die – und das kommt noch hinzu – aus bestimmten Gründen selbst eine zweite Lektüre erfordern würde). Damit ist Folgendes gemeint: Deleuze baut sein Haus (= die Philosophie Bergsons), ohne ein Fundament zu legen – als Leser versteht man nicht, worauf Bergsons methodische und begriffliche Strategien, die Deleuze hervorragend aufzeichnet, beruhen. Eine ‘zweite Lektüre’ ist dies, weil sich in dieser Sicht von Beginn an nur (sich verschiebende) begriffliche Konstellationen zeigen (etwa der methodisch hinter die „Biegung der Erfahrung“ zurückgehende „reflexive Dualismus“ von ‘Wahrnehmung’ und ‘Gedächtnis’, von dem aus ein Monismus des Virtuellen – die ‘reine Dauer’ – erschlossen werden kann, der mit dem „genetischen Dualismus“ des ‘Elan vital’ zum Ausgangspunkt der Erfahrung zurückführt), aber nicht mehr die Sache selbst, vor der sich die Bergsonsche Begriffsbildung entzündet. Diese Fundamentalebene scheint es für Deleuze gar nicht zu geben, d.h. die Bergsonschen Sätze erfordern es seiner Auffassung nach nicht, phänomenologisch erläutert zu werden – es gibt keine ‘erste Lektüre’ der ‘Sachen selbst’, die Bergson denkerisch zu bewältigen versucht. Unsere Lektüre wird dadurch zu etwas Unintelligiblem, zu einer Blindfahrt: Deleuze lässt uns nicht mitdenken, da er uns keine sachliche Ebene präsentiert, anhand derer wir seine begrifflichen Erörterungen kritisch betrachten, d.h. in irgendeiner Form beurteilen können. Wir müssen ihm schlicht glauben – und das ist das Empörendste, was man von einem philosophischen Leser erwarten kann. Deshalb eine methodische Maxime: ‘Zweite Lektüren’ sollten als Wiederholung der ‘ersten Lektüre’ angelegt werden – ansonsten hat das Bücherschreiben nicht viel Sinn.

Mein liebes Seelchen! – die Briefe Heideggers an seine Frau geben angeblich vor allem einen indezenten Einblick in den fragwürdigen Charakter des Meisters. Mir schienen sie aber philosophisch aufschlussreich: Zum ersten Mal habe ich begriffen, dass der Nachkriegs-Heidegger eigentlich nur noch mit der Verwaltung und Bestellung seiner schöpferischen Phasen der 20-er und 30-er Jahre beschäftigt ist. Wenn er zu dieser Zeit einen Vortrag oder Aufsatz zu schreiben gedenkt, ist seine erste Tat der Griff in die Kiste mit den alten Sachen – er denkt nicht mehr prospektiv, sondern ist seltsam rückwärtsbezogen. Er hat seine Kräfte zu früh vollständig ausgeschöpft, seine Zeit ist abgelaufen. Das ist seltsam zu bemerken, wenn man bedenkt, dass der Idealphilosoph erst im Alter ‘gut’ (weise) wird.

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