Da der Diskussionsverlauf es verhindert hat, habe ich Lust, hier meine eigenen idiosynkratischen Vorstellungen von der ethischen Dimension in Heideggers Sein und Zeit auszubreiten. Ich würde auch sagen, dass es diese Dimension gibt. Sie lässt sich vielleicht folgendermaßen als moralischer Imperativ formulieren: Handle so, dass du in eine Stimmung versetzt wirst, die die ontologisch-existenziale Struktur des Daseins transparent, d.h. existenziell manifest werden lässt! Mit dem Handlungsbegriff kann hier ersichtlicherweise nur in Form einer Karikatur operiert werden. Sagen wir also besser: Lass dich von einer kontingent sich ereignenden Stimmung (Angst, Langeweile) übermannen, die ihre eigenen existenzialen Bedingungen transparent werden lässt. Genau dies ist wohl der implizite Imperativ der Eigentlichkeit.

Man muss also sagen: Ja, in Sein und Zeit steckt eine Ethik; es geht nicht um „neutrale“ ontologische Strukturen. In der Folge muss man aber auch sehen, dass der implizite ethische Ansatz in Sein und Zeit eine spezifische Dimension des Ethischen verstümmelt: die Dimension des Urteils. Der Ruf des Gewissens im Dasein ist korrumpierbar, da er wohl einen Horizont, aber kein Kriterium (kein Ideal) dafür bietet, wie in der Situation hier und jetzt zu urteilen (resp. was zu tun) ist. Auf der anderen Seite fixieren sich die meisten heutigen ethischen Ansätze wohl auf diese theoretische Dimension des Urteils, sodass wir den Heideggerschen Blick auf die nicht-ethischen Quellen des normativen Urteils, den Blick auf das Freiwerden des Daseins als Bedingung der Möglichkeit des Ethischseins – und nicht nur des Ethischurteilens – als Medizin ganz gut vertragen können. Denn da liegt ja eigentlich das Rätsel des Ethischen: Wir wissen meistens ganz gut, was gut und was schlecht für uns und für andere ist; aber trotzdem geraten wir oft genug ins Üble und vermögen das Gute nicht. Wenn es uns gelänge, mit Hilfe einer ethischen Reflexion an unser Ethischwerden und -sein (das man nicht sogleich auf den so genannten „motivationalen“ Aspekt reduzieren darf) zu rühren… – das wäre einer philosophischen Ethik schon würdig.

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