John Dewey, Erfahrung und Natur IV-VI
2008/11/23
Im 4. Kapitel wendet sich Dewey der zur Erfahrung des Genusses (s. 3. Kapitel) sich komplementär verhaltenden Erfahrung der Arbeit zu: Wie die Erfahrung des Genusses zeigt, dass es in der Natur Finalitäten gibt, so zeigt die Erfahrung der Arbeit, dass das eigentliche Objekt der Erkenntnis „instrumenteller“ Natur ist. Dewey bietet von da aus eine sehr treffende Darstellung des Grundsinns der „modernen Wissenschaft“ als rein praktisch-technisch auf funktionale Bedingungszusammenhänge abzielend: „Echte Wissenschaft ist unmöglich, solange das Objekt, das um seiner eigenen, innerlichen Beschaffenheit willen geschätzt wird, als Objekt der Erkenntnis gilt. Seine Vollständigkeit, seine immanente Bedeutung, verhindert seine Verwendung als Objekt, das ein Zeichen für anderes ist, das Implikationen hat.“ (S.135) Vom Ding in seiner unmittelbaren Gegebenheit (Finalität) hingegen gilt: „… es wird genossen oder erlitten. Das ist alles, was man darüber sagen kann.“ (S.147) – Hier ist nur zu bemerken, dass Phänomenologie in dem Versuch besteht, vom unmittelbar Gegebenen wissenschaftlich zu sprechen und die Erkenntnis auf das Gegebene als solches zu öffnen – eine Art von Wissenschaft, die natürlich dem wissenschaftlichen Modell der – nicht traditionell, sondern modern, d.h. technisch interpretierten – Naturwissenschaften, das Dewey als einziges anzuerkennen scheint, widerstreitet.
Im 5. Kapitel geht es um die Rolle der sich in der Kommunikation manifestierenden Rolle der sozialen Interaktion bei der Konstitution von „Bedeutung“ (meaning), die wiederum für die Wahrnehmung von Objekten konstitutiv ist. Die Bedeutung läge im Gebrauch – kann man mit Wittgenstein resümieren; Sinn gibt es nur in einem instrumentellen Zusammenhang: Sprache ist „das Werkzeug der Werkzeuge“ (S.169, 185). Die Rolle der sozialen Interaktion für die Konstitution von konkreten Bedeutungen zugestanden, ist es doch zumindest bemerkenswert, dass Dewey das Phänomen des Sinns (dass etwas überhaupt bedeutsam werden kann und etwas anderes im Vermögen, diese Bedeutsamkeit zu fassen, steht), das nicht durch soziale Interaktion erklärt werden kann, nicht in den Blick kommt. In dieser Dimension läge die eigentlich interessante Frage nach der Sprachlichkeit.
Das 6. Kapitel beginnt mit dem etwas rätselhaften Satz: „Eine Person, ein Selbst, ein Subjekt zu sein sind Funktionen, die sich aus komplex organisierten organischen und sozialen Interaktionen ergeben.“ (S.205) In welchem Sinn spricht Dewey hier von „ergeben“? In der Folge geht es jedoch – weniger anspruchsvoll – nur um die historische Genese des individuellen Selbstgefühls und dessen Zweideutigkeiten in der praktischen Orientierung, bevor wir uns – erst im nächsten Kapitel – zu den hard facts des „psycho-physischen Mechanismus“ (S.239) begeben werden…