„Pessimismus“ und „Optimismus“ sind bekanntlich Titel, die sich sehr an der philosophischen Oberfläche bewegen. Es hat den Geruch von willkürlichen Weltanschauungskämpfen, wenn es dem einen gefällt, das Glas halb voll, und dem anderen, es halb leer zu finden. Dennoch, es sind dies oft Fragen, mit denen man mit der Philosophie beginnt. Z.B. bin ich von meiner Provenienz her – wie wohl viele andere auch – ein „Pessimist“ (auf gut deutsch: die verführerische Schopenhauersche Suada war mein Eintritt in die Philosophie), habe mich aber im Laufe der Jahre recht und schlecht zu einem philosophischen „Optimisten“ hingebogen (ens et bonum convertuntur), auch wenn ich natürlich – wenn man mich in nüchternem Zustand fragen würde – all diese Titel pikiert zurückweisen würde – das ist Ehrensache und Teil meines professionellen Milieus.

Nun hörte ich letztens einen Podcast-Radiobeitrag über den Schopenhauerianer Philipp Mainländer, der in einem vollendeten Aprilscherz den Bücherstapel der frisch zugesandten Belegexemplare seiner Philosophie der Erlösung bestieg, um per Strick am 1. April 1876 freiwillig aus dem Leben zu scheiden – und wurde ein wenig nostalgisch. Mainländer gibt der Schopenhauerschen Willensmetaphysik eine originelle Wendung: Bei Schopenhauer ist die Lösung der Lebensaufgabe, aus dem Zirkel des ewig und blind sich wollenden Willens auszusteigen durch asketisch-kontemplative „Verneinung des Willens zum Leben“ in Gestalt eines allmählichen stillen Verlöschens der Willenskräfte – der einzelne Mensch ist im besten Fall also „Aussteiger“ aus dem, was die Wirklichkeit durchherrscht. Woher aber die Kraft auszusteigen, wenn der sich wollende Wille alles ist? Darauf hat Schopenhauers Konzeption wohl keine zureichende Antwort. Hier ist nun die Stelle für die spekulative kosmologische Wendung Mainländers: Der allem zugrunde liegende Wille ist nicht Wille zum Leben (oder Wille zum Willen), sondern von Anfang an Wille zu seiner eigenen Auslöschung. Das Sein zielt ab auf das Nichts: nur, es kann sich in seiner Fülle nicht mit einem Schlage selbst auslöschen, sondern muss den langen Weg seiner Kenosis, seiner Reduktion gehen – und gerade dies ist nun die „Schöpfung“ der Welt. Die Welt wäre dann in Wahrheit eine creatio ad nihil. Die Pointe daran ist also, dass der Sinn der aus „Sein“ und „Nichts“ gemischten Welt nicht in ihrer Teilnahme an der ursprünglichen Seinsfülle, sondern gerade in ihrer Antizipation des Nichts läge. Ein weltanschaulich verlockender Gedanke (Sein will – Nichts), weil er alle Komplexität reduziert und dabei doch eine gewisse Erfahrung schön aufschließt. Die schwierige dialektische Rückkehr des me on zu seiner Seinsquelle, an der es immer schon Anteil hat, kann man sich dadurch schlicht sparen.

Aber zu unserem Glück führt Komplexitätsreduktion eher selten zur Wahrheit.

Eine Antwort zu „Pessimismus reloaded!“

  1. phobia Sagt:

    Danke für diesen Beitrag, vor allem die Verlinkung zu dem Podcast war sehr aufschlussreich.


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