Hegel und die Evolution
2008/08/31
In einem dankenswert klaren und mutig Thesen vorbringenden Aufsatz in einem neuen Sammelband zu Hegels Phänomenologie des Geistes beleuchtet Wolfgang Welsch das Verhältnis zwischen Hegels Idealismus und dem Evolutionsgedanken, der heute ein operativer Grundbegriff nicht nur in der Erklärung des Lebens, sondern bereits ebenso im Verständnis des kosmischen Ganzen ist. Zuletzt bedarf die bisweilen auftretende Erkenntnisunruhe des typischen Zeitgenossen immer einer Vorstellung von „Evolution“, um sich zu beruhigen – möchte man meinen. Der Nachweis evolutionären Hervorgehens scheint Erklärung genug, und so geht die natürliche Wissenstendenz unseres Zeitalters auf einen umfassenden evolutionären kosmischen Zusammenhang von allem mit allem.
Welschs Beitrag bildet in dieser denkwürdigen Verführungskraft des Evolutionsgedankens ein interessantes Mosaiksteinchen. Seine These zu Hegel ist, dass dieser einen bedeutenden Anstoss zum Evolutionsdenken gegeben hat, indem er das Absolute in seiner grundlegenden logischen Sphäre als evolutionäre Bewegung darstellt. Gerade deshalb hält aber Hegel in der realphilosophischen Sphäre von dem Gedanken einer natürlichen Evolution überhaupt nichts, denn die Natur ist nichts anderes als der Bereich, indem sich die schon vorhandenen logischen Kategorien in Form des Außer-sich entwickeln (Welsch unterscheidet terminologisch zwischen der voraussetzungslosen selbstgenerativen Evolution und der Entwicklung eines implizit schon vorhandenen Programms, und versucht von daher Hegels Grundkonzeption letztlich als evolutionär zu verstehen – mit dem (unbezahlbar hohen) Preis, das „Modell“ des Absoluten als Geist, d.i. als ein im Paradigma der Entwicklung verlaufendes Für-sich-werden eines An-sich, verabschieden zu müssen): „Der Mensch hat sich nicht aus dem Tiere herausgebildet, noch das Tier aus der Pflanze; jedes ist auf einmal ganz, was es ist.“ (Hegel, Enzyklopädie). Oder: „Es ist völlig leer, die Gattungen vorzustellen als sich nach und nach in der Zeit evolvierend.“ (ebd.)
Da nun aber Welsch die begriffliche Bestimmtheit der Natur, an der er mit Hegel festhält, mit dem zeitgenössischen Evolutionsgedanken verträglich machen will, schlägt er vor, die Theorie der Evolution um die „Genese logisch-begrifflicher Formen“ im natürlichen Ontischen zu „erweitern“. Das heißt, die evolutionäre Logik hat nicht mehr wie bei Hegel die Grundlegungsfunktion, sondern ist selbst nur ein Aspekt einer als umfassend vorgestellten „realphilosophischen“ Evolution.
Dieser Aufsatz ist schön, weil er grundlegende Vorurteile „unserer Zeit“ sichtbar macht, auf eine Weise, die zeigt, wie schief „unser Weltbild“ eigentlich hängt. Denn dieses Evolutionsdenken kommt nicht umhin, in seinem Vollzug das Logische als Logisches (als Geltungsgebilde) – unbeabsichtigt – zu eliminieren. Oder anders: Man hat vom Logischen eigentlich nichts verstanden, wenn man eine evolutionäre Erklärung für es liefern kann: es ist einfach die falsche Antwort auf die falsche Frage (Kategorienfehler). Das Hegelsche Potenzial, das Welsch hier verspielt, liegt ja eigentlich darin, dass die begriffliche Verfasstheit der Natur (was faktisch sogar im Vollzug der nivellierenden evolutionären Durchdringung mitbehauptet ist) eine ernstzunehmende Anfrage an Reichweite und Grenzen des Evolutionsgedankens impliziert, insofern nicht zu sehen ist, wie eine zureichende evolutionäre Erklärung des Rein-Logischen aussehen könnte, die nicht überhaupt schlicht ihr Thema verfehlt.
Fazit: Das Natürliche ist begrifflich – darin liegt eine echte philosophische Herausforderung, die mit der evolutionär-programmatischen Umkehrung Das Begriffliche ist natürlich nur verdeckt wird.
2008/09/01 um 02:44
Sehr geehrte/r Picodella,
die Unterscheidung „zwischen der voraussetzungslosen selbstgenerativen Evolution und der Entwicklung eines implizit schon vorhandenen Programms“ – kennen Sie vielleicht einen Forscher, der diese zieht aber zudem auch dem Absoluten als Geist treu bleibt, sich somit auf die Seite des „Programms“ schlägt, ohne dessen Entwicklung in eine äußerliche Herauswicklung zu zwängen? Wenn ja, bitte ich sehr um einen Namen oder eine Literaturangabe. Wenn nicht, naja, wie ist ihre Meinung dazu? Ich bin gegen eine voraussetzungslose Selbstgeneration in der Zeit und für das logische Programm und dessen (wie auch immer gearteten) Äußerung.
Beste Grüße, Andreas Iancu
2008/09/02 um 17:14
Bin in der Hegel-Sekundärliteratur nicht sonderlich bewandert, könnte mir aber vorstellen, dass texttreue Interpreten wie z.B. Hans Friedrich Fulda diese Zusammenhänge genau in der erwähnten Tendenz darstellen. Auch ich glaube nicht, dass „Geist“ bloß ein austauschbares Modell für das Absolute ist, sondern konstitutiv für alle Momente des Absoluten – wenn man vom Geist abstrahiert, findet man bei Hegel nur noch völlig unverständliche Strukturen, die ihr Fleisch und damit ihre philosophische Rechtfertigung verloren haben. Hippe „nachmetaphysische“ Anschlüsse an Hegel scheinen mir von daher immer problematisch.
Und wer „Geist“ sagt, der muss wohl konsequenterweise auch „Entwicklung“ sagen, wobei ich dies weniger in der Gestalt der Explizierung eines implizit Vorhandenen (der Sinn dieser „Vorhandenheit“ des Logischen ist mir noch völlig unklar) verstehen würde, sondern mehr – nach dem Modell der Phänomenologie des Geistes – als einzuholende Erfahrung des Sichanderswerdens, nun aber auf einer Ebene, wo der Bewusstseinsgegensatz eingeklammert ist. Trotzdem muss ich bekennen, dass ich das Bewusstseinsparadigma der Phänomenologie des Geistes für irreduzibel halte – was sicher nicht in Hegels Sinne ist.