Habermas geht fremd
2008/08/09
Lange Zeit habe ich nicht mehr Habermas gelesen… Was ich am „späten“ Habermas als Herausforderung empfinde, ist nicht seine hermeneutische Zuwendung zum „semantischen Potential“ der Religion, sondern die zugrunde liegende bewusste Askese seines philosophischen Selbstverständnisses, das dieses Fremdgängertum in unserer Situation dann dringlich macht: „Die moderne Wissenschaft hat die selbstkritisch gewordene philosophische Vernunft zum Abschied von den metaphysischen Konstruktionen des Ganzen aus Natur und Geschichte genötigt. Dieser Reflexionsschub hat Natur und Geschichte den empirischen Wissenschaften überantwortet und der Philosophie nicht viel mehr als die allgemeinen Kompetenzen erkennender, sprechender und handelnder Subjekte übrig gelassen.“ („Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“) Dies ist sein Bekenntnis zur Moderne: Ein „nachmetaphysisches Denken“, das die Kompetenzen der empirischen Wissenschaften anerkennt, muss sich zurückziehen auf eine kommunikativ-pragmatisch gewendete Transzendentalphilosophie als der letzten Region souveränen philosophischen Wissens. Seinsfragen haben hier keinen Ort mehr: was und wie etwas ist, muss sich in den empirischen Wissenschaften entscheiden; die Philosophie hat sich ganz vom Kampf der Weltbilder verabschiedet: nachmetaphysisch denken heißt „weltanschaulich neutral“ (ebd.) denken. Man sieht hier, dass Habermas im Grunde immer praktisch-politisch denkt (und trotzdem geht es ihm noch um Wahrheitsfragen: deshalb ist ihm die Rettung des kognitiven Gehalts der Moral so wichtig): Metaphysik taucht bei ihm nicht als Sachproblem, sondern als Komplex von Weltanschauungen auf, die aufgrund ihrer faktischen Divergenz das politische Zusammenleben in einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft nicht fundieren können und deshalb in philosophischen Belangen neutralisiert werden müssen. Sein Interesse für das semantische Potenzial der Religion ist im Grunde auch nur praktisch motiviert: Die kommunikative praktische Vernunft hat in der „entgleisenden“ Moderne (Stichwort Naturalismus: das ins inhuman Weltanschauliche gewendete Wissenschaftsvertrauen) Motivationsprobleme und sucht in der „postsäkularen“ Gesellschaft neue strategisch-heuristische Partner mit verfügbaren Sinnressourcen bei gleichzeitig vorhandenem Vernunftpotenzial: die Weltreligionen.
Die neue hermeneutische Offenheit gegenüber Sinnquellen, die nicht der autonomen Vernunft entstammen, ehrt zwar die philosophische Beweglichkeit des alten Habermas und ist von seinem philosophischen Selbstverständnis aus konsequent und vernünftig; aber zugleich ist sie das Symptom einer problematischen philosophischen Grundkonzeption: Zuvor hat sich das nachmetaphysische Denken die eigenen metaphysischen Wurzeln abgeschnitten, um nun den dadurch fremd und „opak“ gewordenen religiösen Bruder aufgrund äußerer Umstände zu mühsamen Übersetzungsdialogen einzuladen. Weniger umwegig schiene mir eine Philosophie, die zwar das praktische Problem des öffentlichen Vernunftgebrauchs in einer weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft anerkennt, die aber weiterhin die metaphysischen Fragen (das, was in Habermas’ Perspektive nur als vorgebliche Weltanschauungsfragen in Betracht kommt) als ihre genuine wissenschaftliche Aufgabe betrachtet. In der Intention, im wörtlichen Sinne staatstragend zu sein, sollte sich die Philosophie trotzdem nicht zu schade sein, im oft schmutzigen, wenig vornehmen und gegenwärtig ruhmlosen Geschäft der letzten Fragen, in denen schließlich ihre historisch geronnenen Kompetenzen beheimatet sind, zu intervenieren.
Fazit: Die kommunikative Vernunft war kein solides Eheweib; deshalb geht Habermas jetzt fast zwangsläufig mit dem Glauben fremd. Hätte er doch auf sein Herz und sein Talent gehört und all dem zuvor einfach seine erste Liebe – die leider etwas zum Frömmeln neigende Metaphysik – geehelicht!
Verschlagwortet mit : Glauben, Habermas, Nachmetaphysisches Denken, Religion, Vernunft, Wissen
2008/08/12 um 00:22
Eine Freude, diesen Philosophie-Blog hier zu entdecken.
Wahrlich eine BlogBereicherung.
2008/08/12 um 01:37
Ein ausgezeichneter Philosophie-Blog!
Interessant zu lesen.
ps : vertippte mich in 1. Kommentar bei E-MailAngabe, pardon
2009/06/08 um 20:59
[...] und ‘Gesellschaft’ geprägt hat). Man muss kein Habermas-Freund sein (hier eine frühere Kritik seines philosophischen ‘nachmetaphysischen’ Selbstverständnis…), um diesen Beitrag sachlich weitestgehend verfehlt und vor allem stilistisch widerwärtig zu [...]