Das Hirn und das Unbewusste
2008/07/16
Kürzlich durfte ich im Fernsehen wieder einmal einem unserer populären philosophierenden Hirnforscher (es war Wolf Singer) andächtig lauschen. Was mich stutzig machte, war die Rede vom „Unbewussten“, die die Hirnforscher, scheint es, gerne in ihren eigenen Wissenschaftsdiskurs integrieren wollen (ich erinnere mich dunkel an einen einschlägigen Radiobeitrag von Gerhard Roth anlässlich eines Freud-Jubiläums). Unter den vielen philosophischen Naivitäten der Neurophilosophie ist dies eine, die mich ganz besonders interessiert: Das Hirn und seine neuronalen Aktivitäten wird uns als etwas „Unbewusstes“ verkauft; darin hat der Begriff des Unbewussten gleichsam eine rhetorische Brückenfunktion zum Bewusstsein, ein rhetorischer Trick, mit dem uns – und natürlich auch dem Hirnforscher selbst – verschleiert wird, dass die „unbewusste“ neuronale Aktivität und das phänomenale Unbewusste-für-das Bewusstsein zwei vollkommen verschiedene Dinge sind. Mit der Rede vom Unbewussten in der Hirnforschung versucht man ein harmonisches Weltbild zu formulieren, in dem illusionäre Selbst-Bilder und die nackte Realität des Hirns beide Platz haben: Vieles, was wir sind, ist uns unbewusst; dass das Ich in Wahrheit eine Funktion des Hirns ist, soll dann nur ein besonders drastischer Fall von Unbewusstem sein…
Dies ist natürlich philosophischer Nonsens. Wer vom Hirn und seinen Aktivitäten redet (das Gehirn „entscheidet“…?), redet nicht vom Unbewussten, sondern vom Nicht-Bewussten (und begeht – wenn er diesem Nicht-Bewussten Bewusstseinsvollzüge wie Entscheidungen zuschreibt – drastische „Kategorienfehler“). Von daher ließe sich im übrigen eine philosophisch sinnvolle Bestimmung des Unbewussten finden: Unbewusst ist etwas, was seinem Inhalt nach bewusst werden kann, was diesen Übergang prinzipiell erlaubt, d.h. etwas, was in sich schon sinnhaft strukturiert ist (vgl. als Beispiel Freuds Theorien hierzu), selbst wenn es vielleicht aus anderen, Sinn-immanenten Gründen nicht bewusst werden kann. Das Unbewusste muss in irgendeiner Weise durch das Bewusste hindurchgegangen sein (im einfachsten Fall: ein Bewusstes, das sich – phänomenologisch zu sprechen – sedimentiert; im schlimmsten Fall: ein durch das Bewusstsein Hindurchgegangenes, das bereits da schon vom Bewusstsein nicht zu fassen war: das „Trauma“).
Die neuronale Aktivität ist niemals solch ein durch das Bewusstsein Hindurchgegangenes, sie kann mir daher niemals in einem phänomenologisch präzisen Sinne bewusst werden, sondern nur in einer äusserlich bleibenden funktional-wissenschaftlichen Reflexion. Wenn Freud formuliert: „Wo es war, soll ich werden!“, dann muss klar sein, dass das neuronale Es niemals vom Ich übernommen werden kann, weil es dieses Ich „aus Sicht des Gehirns“ einfach nicht gibt. Damit ist aber natürlich auch die Rede vom „neuronalen Es“ hinfällig. So einfach lassen sich Hirnforschung und Bewusstseinsanalyse nicht zusammenschalten.
2008/07/17 um 16:45
GENAU!