Kafka, Heidegger, menschlich

2008/07/12

In den meisten Beiträgen anlässlich des 125. Geburtstags Franz Kafkas, die mir untergekommen sind, musste ich die Tendenz bemerken, dass das Menschlich-Allzumenschliche Kafkas genüsslich herausgestellt wird: Depressionen, Humor, Bordellbesuche, Freundinnen u. dgl. mehr (die herausragende Kafka-Biographie von Reiner Stach, deren zweiter Band gerade erschienen ist, muss man dabei ausnehmen, da sie der im Folgenden dargestellten Grube auf wundersame Weise entkommt). Was daran stört, ist ein untergründiger Dualismus: Es gibt einerseits den genialen Verzweiflungs-Literaten, und dahinter andererseits den neurotisch-normalen Menschen. Was so nicht verstanden wird, ist der originäre Zusammenhang von Leben und Werk: ein Leben, das sich ins Schreiben investiert, das sich in einer Radikalität sondergleichen auf das Schreiben abzweckt und von dort her sich neu entwickelt. Humor und Depression sind Teil dieses ungeheuren Literatur-Experiments, ebenso wie die Beziehung zur Frau. Man muss hier Lacan und Zizek herbeizitieren: Die sexuelle Beziehung gibt es nicht; stattdessen ist überall das Phantasmatische dazwischengeschaltet, das, was Kafka für sich “Literatur” nennt. Der Vulgärmaterialist – d.h. der nihilistische common sense, den wir alle von uns selber kennen – sieht nur das Sexuelle hinter dem Geistigen; was aber, wenn es weder Sex noch Geist in dieser schichtenontologischen Trennungsgestalt gibt, wenn ein Leben das unentrinnbare Phantasmatische nicht nur anerkennt, sondern es gleichsam in einer beispiellosen Flucht nach vorn als Literatur und in Literatur vollenden will? Dies ist der Lebensversuch Kafkas gewesen.

Eine ähnliche Rezeptionstendenz gibt es im übrigen seit einiger Zeit auch bei Heidegger: er ist jetzt nicht mehr nur der geniale verehrte und verhasste Geist, sondern ebenso der feige Nazi und der heuchlerische Frauenheld. Auch in diesem Fall müsste man – um wirklich mit dem Verstehen zu beginnen – vom phantasmatischen Kern ausgehen, der primär in seinem Vollzug des Denkens, und nicht in seinen politischen und amourösen Verstrickungen, zu entblößen sein wird. Das heißt zum Beispiel: Für ihn war der Nationalsozialismus eine Versuchung aus Gründen seines Denkens; die Beteiligung an der “Bewegung” war ein (kläglicher) Moment seiner riskanten Lebens-Investition ins Denken. Die Grube, in die dann Leute wie Emmanuel Faye (“Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie”) fallen, manifestiert sich in folgendem Fehlschluss: Sein Denken führt Heidegger zum Nationalsozialismus; also ist sein Denken im Grunde nazistisch. Einen Fehlschluss dieser Art könnte man im übrigen auch bezüglich Kafka behaupten (und wurde natürlich schon behauptet): Das Schreiben führte Kafka in die Depression; also ist sein Werk im Grunde krank, ein Produkt seiner abnormalen psychischen Konstitution. – Dies sind natürlich alles nur Dummheiten. Dummheiten allerdings, auf die man von außen leicht verfallen kann, wenn man noch nie eine “innere” (d.h. teilnehmende) Erfahrung mit dem Denken resp. mit Literatur gemacht hat.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 42 Followern an

%d Bloggern gefällt das: