Mögliche Welten
2008/05/01
Man kennt die Rede von „möglichen Welten“ in der Modallogik. In seinem Buch Modalität macht Uwe Meixner darauf aufmerksam, dass im Rahmen der Mögliche-Welten-Semantik der Modallogik die Kontingenz der wirklichen Welt nicht adäquat zum Ausdruck gebracht werden kann: Es wird zwar eine der möglichen Welten als unsere wirkliche Welt (w*), die dann als „starrer Designator“ für alle möglichen Welten fungieren kann, ausgezeichnet, aber dafür, dass diese unsere wirkliche Welt auch mit einer anderen möglichen Welt als der faktischen identisch sein könnte, gibt es im Rahmen der Mögliche-Welten-Semantik (erster Stufe) keinen Ausdruck. Deshalb neigen wohl viele Modallogiker in der Folge dazu, den Wirklichkeitsbegriff zu nivellieren, indem er nur mehr weltenrelativ gebraucht wird: die wirkliche Welt ist halt die mögliche Welt, von der wir ausgehen. Der ontologischen Differenz zwischen der wirklichen Welt und einer bloß möglichen Welt (eine Differenz, die Meixner in der typischen Hilflosigkeit des analytischen Philosophen nur als eine basale „Intuition“ ausweisen kann…) wird dies natürlich keinesfalls gerecht.
Dies kann man als Hinweis darauf verstehen, dass das Denken der ontologischen Modalitäten (Notwendigkeit, Möglichkeit, Kontingenz) nicht den Modallogikern und Begriffsanalytikern überlassen werden darf. Denn was in Meixners Buch weiters auffällt: Er lehnt eine Unterscheidung zwischen „innerer“ ontischer (logischer) und metaphysischer Notwendigkeit ab, letztere (als über die naturgesetzliche Notwendigkeit Hinausgehende) wird auf erstere (die Meixner nicht als bloße Denkbarkeit aufgefasst haben will) zurückgeführt. Die Naivität, die wohl die gesamte Analytische Philosophie überwältigend beherrscht, besteht hier darin, dass dem Begriff einer denkbaren möglichen Welt ein unmittelbarer ontologischer („ontischer“) Sinn zugetraut wird, ein Zutrauen, dessen zweifelhafte Berechtigung nicht einmal als Frage in den Blick kommt. Dies ist das Elend aller Begriffsanalysen, so scharfsinnig diese im Einzelnen auch sein mögen.
Wenigstens kommt dieser konsequente Scharfsinn bis an den Punkt, wo die Mögliche-Welten-Semantik an eine prinzipielle Grenze stößt, wie anfangs erwähnt. Erst nach dieser Grenze, jenseits der modallogischen Modellierungen, tun sich die eigentlichen Fragen der „Modalmetaphysik“ auf, und die entscheidende Frage ist, wie man an diese Fragen noch philosophisch-methodisch heran gehen kann, wenn im selben Augenblick die begriffsanalytischen Mittel versagen. Vielleicht ist eine Phänomenologie der ontologischen Modalitäten (zuvorderst: der Kontingenz der Welt) möglich. Wenn der Dialog mit der modallogischen Mögliche-Welten-Semantik darin nicht abgebrochen werden soll, müsste darin im übrigen eine Phänomenologie der „Welt“ einen wichtigen Platz einnehmen, um den Sinn der Rede von „möglichen Welten“ ontologisch zu klären.
2008/05/09 um 22:40
[...] wohl die gesamte Analytische Philosophie überwältigend beherrscht [...]” heißt es z.B. im letzten Beitrag. (Und, nein, das ist nicht als Lob gemeint.) Tja, nicht der Philosophiestil, den ich gewöhnt bin, [...]
2008/05/12 um 20:08
Würde gern wissen, was der Kommentator unter „Philosophenstil“ versteht. Vielleicht hätte er die Güte, mittels Argumentation das Nichtssagende seiner Meldung aufzuheben, wäre ja vielleicht der Ansatz zu einer nicht uninteressanten Diskussion
lg, m-a-o-g-g
2008/05/16 um 17:49
Puh, definieren kann ich „Philosophiestil“ nicht und ich hänge auch nicht am Ausdruck „Stil“. Ich habe nur Picodellas Bemerkungen über die Analytische Philosophie aufgegriffen: Ich mag deren Naivität, Picodella nicht (oder?), also sind die Philosophiestile verschieden.
2008/05/16 um 17:57
Zu der Bemerkung, „dass diese unsere wirkliche Welt auch mit einer anderen möglichen Welt als der faktischen identisch sein könnte“: Ich verstehe nicht, was das heißen soll. Die wirkliche Welt könnte anders sein. Aber sie kann nicht eine andere Welt sein. (Zugegeben, das ist nicht viel mehr als eine basale Intuition!) Analoges gilt für mich: Ich könnte anders sein, aber kein anderer. Dass es für ‘Die wirkliche Welt könnte mit einer anderen möglichen Welt identisch sein’ „im Rahmen der Mögliche-Welten-Semantik (erster Stufe) keinen Ausdruck [gibt]„, ist deshalb ein Vorteil der Mögliche-Welten-Semantik.
2008/05/17 um 21:33
Picodella spricht von der Möglichkeit einer „Phänomenologie der ontologischen Modalitäten“, bleibt uns jedoch jede weitere Erklärung schuldig, wäre aber schon spannend, was er damit meint.
2008/05/17 um 21:43
So viel Zuspruch und Zugeständnis habe ich gar nicht erwartet: 1. Über die Naivität der analytischen Philosophie scheinen wir uns einig zu sein, und ich finde diese „Frische“ des philosophischen Fragens ja auch nicht unsympathisch. Aber in the long run macht man sich lächerlich, wenn man in der Philosophie bei Null beginnen zu können meint – und diese Tendenz wohnt der analytischen Bewegung meines Erachtens inne. Ein – Achtung Reizwort! – „hermeneutischerer“ Stil täte der analytischen Philosophie gut. 2. Zur Mögliche-Welten-Semantik: Dass die wirkliche Welt (w*) anders sein könnte, heißt ja gerade in modallogischer Modellierung, dass eine andere mögliche Welt die wirkliche Welt sein könnte. Diese Rede von „Welt“ habe ich mir von der Modallogik angeeignet, ich selbst würde (in Hinblick auf eine Phänomenologie der Welt) auch nicht so sprechen. Das Defizit der Modallogik, gleichsam hinter der wirklichen Welt die mögliche Welt zu sehen, ohne sie auf diese zu nivellieren (also den ontologischen Sinn von Kontingenz zu fassen), bleibt damit aber bestehen.