Der Tod als Daseinsmacht
2007/12/09
Ich glaube, Freud hat Recht daran getan, von einem Todestrieb des Menschen zu sprechen, auch wenn ich nicht weiß, was er genau darunter verstanden hat. Zuerst muss man einmal alle Modelle des Todes, die vom individuierten Einzelding ihren Ausgang nehmen, hinter sich lassen. Der Todestrieb ist dann zumindest keine Wille zur Selbstzerstörung eines Einzelnen und hat nichts mit Suizid zu tun. Das Tragische des Freitods ist ja, das er immer eine Wille zum Leben, ein verzweifeltes Ja zum Leben (unter anderen Bedingungen) ist (da hatte Schopenhauer ausnahmsweise einmal Recht), eine Unfähigkeit, den Tod als Tod, der das Dasein des Menschen immer schon schreckvoll durchmachtet und zugleich friedvoll birgt, sein zu lassen. Der Hand-an-sich-Legende tut dem Eigenrecht des Todes Gewalt an, erträgt nicht die Ohnmacht vor ihm. Dagegen wäre zu lernen, den Tod als eine Daseinsmacht zu sehen, die den Menschen als Menschen durchmachtet, die das Zeitweilige birgt (ich variiere hier eigentlich nur Gedanken von Eugen Fink in „Metaphysik und Tod“). Ich wage zu sagen: der Tod, der im wörtlichen Sinne das Zeitliche segnet. Oft schon hatte ich den Verdacht, dass das meiste, was sich als Angst vor dem Tod ausgibt, in Wahrheit Angst vor dem Leben ist, d.h. aber: eine Äußerung des eros, nicht des thanatos! Die Dinge sind aber verwickelter: Der thanatos ist mit der Liebe im Bunde, zwar nicht mit dem Begehren des eros, sondern mit der Liebe, die sterben gelernt hat, die sich loslässt (vgl. den früheren Beitrag zu Harry Potter). In diesem Sinne ist thanatos die tiefere, die geistvollere, die humanere Macht als der eros. Der thanatos ist das Eckhartsche ungewordene Seelenfünkelin, die uneinnehmbare Burg, von der aus das Leben seine Kraft entfaltet, die Quelle, von der her alles sich ertragen lässt, und gerade das Unerträgliche ruft diese unversiegbare Quelle des Lebens. Was für ein tröstlicher Gedanke: tiefer kann man nicht fallen, es gibt diesen tragenden Grund, auf dem ich zuletzt unumstößlich lande – auch wenn dieser Grund „Nichts“ ist. Man braucht weder eine mythische Hinterwelt noch eine materialistische Entzauberung, um diese Daeinsmacht als tröstlich zu empfinden.