Fortsetzung: Heidegger Realist?
November 24, 2007
Hubert Dreyfus versucht Heidegger einen wissenschaftstheoretischen Realismus unterzuschieben. Dass das Sein vom Verstehen des Daseins abhängig, das Seiende aber von ihm unabhängig ist, legt er dahingehend aus, dass die reine, entweltlichte Vorhandenheit der von den Naturwissenschaften entdeckten Dinge (Dreyfus nennt hier immer Elektronen als Exemplum) nicht vom Sein des Daseins abhängig ist: Wenn es kein Dasein gäbe, gäbe es trotzdem die von den Naturwissenschaften entdeckten Tatsachen, eben das Spiel der Atome und Elektronen etc. Darin liegt ein Rückfall in ein vulgäres Verständnis von “Sein”, in die scheinbare Selbstverständlichkeit, dass Sein einfach Vorhandensein bedeutet; denn in welchem Sinne ist das Seiende vom Dasein unabhängig? Natürlich nur im Sinne des Vorhandenseins: als Vorhandenes. Nun ist aber das Vorhandensein selbst, d.h. der Entwurf von Vorhandenheit, stets vom Sein des Daseins abhängig: Die Natur selbst entwirft sich nicht als eine Summe von bloß Vorhandenem, es ist der Mensch der Wissenschaften, der sie daraufhin entwirft. Gerade darum macht sich Heidegger in einer Nebenbemerkung klar, dass das Sein der Natur sich weder auf Vorhandenheit noch auf Zuhandenheit und das Sein des Daseins reduzieren lässt, d.h. die Frage nach der physis wird in Sein und Zeit als eine offene, zukünftig zu bearbeitende, angetippt. Nichts wäre verfehlter, als den Naturwissenschaften die Natur (ihren Sinn von Sein) zu überlassen!Ein - gewissermaßen kantisches - Gedankenexperiment hierzu: Man nehme an, es gäbe einen Schöpfergott, der die Dinge der Natur hervorgebracht hat, und frage sich dann, ob für diesen hypothetischen Schöpfer diese Dinge wirklich in der Form der physikalischen Wirklichkeit von Atomen und Elektronen erscheinen müssten. Kantisch: Erscheinen die Dinge für den intuitus originarius, für den intellectus archetypus, der die Dinge in ihrem An-sich hervorbringt, als Atome und Elektronen, sind die Dinge in ihrem “Entstand” Atome und Elektronen? Tatsächlich scheint Dreyfus (wie jeder wissenschaftsgläubige Naturalist, nur dass er zusätzlich eine Welt der genuinen Intelligbilität des menschlichen Daseins annimmt, die aber letztlich für ihn keinen fundamentalontologischen Wert zu haben scheint) anzunehmen, dass das naturwissenschaftliche Wissen ein quasi-göttliches Wissen vom An-sich der Dinge ist, mit dem Unterschied, dass für uns dieses Wissen nur technisch praktikabel, aber nicht intelligibel ist (so interpretiert er Heideggers Bemerkung zur prinzipiellen Unverständlichkeit der naturwissenschaftlichen Tatsachen, die aber eigentlich nicht mit diesem unerkennbaren An-sich-sein, sondern nur mit der vorausgegangenen Entweltlichung etwas zu tun hat). Der Fehlschluss von Dreyfus verläuft ungefähr folgendermaßen: “Sein” ist nichts anderes als eine bestimmte Intelligbilität des vorhandenen Seienden, eine bestimmte, bloß subjektive Zugänglichkeit zum an sich Vorhandenen, die das Subjekt aus seiner Welt der Praxis gewinnt; der Wert dieses Seins geht ganz im “Für-uns” auf; darüber hinaus gibt es aber noch ein Sein an sich, das sich genau darin bekundet, dass das Subjekt in seinem Verstehen auf etwas Nicht-Intelligibles, Unverständliches trifft, und dies sind die naturwissenschaftlichen Tatsachen. Die Absurdität einer solchen Interpretation von Sein und Zeit besteht darin, dass sie naiv ein Sein an sich ansetzt, natürlich im Sinne des bloßen Vorhandenseins, ein Sein, das nun plötzlich nicht mehr als bloße Intelligibilität des Seienden, Zugänglichkeit zum Seienden verstanden wird, sondern als der Basissinn der an sich bestehenden Wirklichkeit selbst, unabhängig von den subjektiven Projektionen des Menschen (wobei man hier nebenbei zu sehen beginnt, wie problematisch die einfache Identifikation von Dasein und Mensch ist, die Dreyfus überall voraussetzt). Das Projekt von Sein und Zeit muss man aber doch so verstehen, dass es dieses naive Verständnis vom Sinn des Seins in Frage stellt: Es geht Heidegger nicht um irgendeinen subjektiven Sinn des Seins, oder um die ontische Abhängigkeit vom Dasein des Menschen,; es geht ihm immer und von Beginn an um den ontologischen Sinn des Seins, um das An-sich des Seins selbst (nicht der Dinge, denn dies wäre keine ontologische Frage) als der Grundlegung jeder Form von positiven Wissenschaft des Seienden. Die phänomenologische Methode Husserls hatte diese Möglichkeit, nach dem Sinn des Seins schlechthin zu fragen, ohne in die komische epistemologische Aporie der Subjektivierung dieser Frage (und die angebliche Bescheidung durch die Differenzierung zwischen erkennbarem Für-uns und unerkennbarem An-sich) zu verfallen, eröffnet. In der Streichung eines An-sich bleibt Heidegger treuer Schüler Husserls, ein Phänomenologe eben, der sich an das hält, was ihm die Erfahrung im weitesten Sinne (d.h. nicht die wissenschaftlich domestizierte Erfahrung, sondern die durch die phänomenologische Reduktion zu sich selbst befreite Erfahrung!) darbietet. Ein ganz anderes Kapitel eröffnet sich allerdings durch die kantische Frage, ob es nicht einen solchen architektonischen Grenzbegriff (”Ding an sich”) braucht, um die spezifische Endlichkeit des menschlichen Daseins herausstellen zu können.
Dezember 2, 2007 um 12:04 Uhr nachmittags
Ist es eigentlich nicht merkwürdig? Dreyfus scheint einen Fehler gegenüber Heidegger zu begehen, der einem für normal in der Heidegger-Einführungsvorlesung als erstes ausgetrieben wird … Und solche flotten Missverständnisse zwingen dann die Philosophie, immer wieder die gleichen alten Gedanken immer wieder von vorne zu denken …
Dezember 4, 2007 um 5:41 Uhr nachmittags
Dabei gehört Dreyfus doch irgendwie zu den Guten, und zwar deshalb, weil er niemals Verstehen simuliert (die größte Gefahr in der Philosophie!), sondern ehrlich strebend um Verstehen sich bemüht. Man kann schnell einmal in einer Einführungsvorlesung über das Missverstehen der anderen spotten, aber in einen Gedanken hineinzukommen, ist doch etwas ganz anderes (und eine schöne Erfahrung, die dem Philosophietreiben Sinn gibt). Deshalb scheint mir das Thema der phänomenologischen Reduktion (bzw. alles, was zu ihr ein Äquivalent sein kann: so etwas findet sich bei JEDEM Philosophen, der diesen Namen verdient) so zentral: damit ist die Grenze bezeichnet, wo man aus der natürlichen Einstellung in die Philosophie springt. Von ihrer Gestalt hängt alles Gelingen in der Philosophie ab. Stichwort: Initiationserfahrung.
Dezember 4, 2007 um 5:55 Uhr nachmittags
Stimmt eigentlich. In dem Sinne darf man das “Immer-wieder-von-vorne” der Philosophie nicht negativ verstehen. Bei Merleau-Ponty heißt es zB. ja irgendwo, dass Philosophieren darin bestehe, inmitten herrschenden (Vor)Wissens wieder zurückzusteigen zu den ersten Wissensquellen in der Erfahrung. Dieser Vollzug ist die ph. Reduktion. Das Thema, alles in Vorhandenes zu verwandeln, ist da ja auch ein Grundproblem, geradezu der Menschheit. Aber gut wäre, wenn man nicht immer die gleichen Termini und die 100ste Lektüre eines Autors macht, sondern den Gestus (nicht jeden Buchstaben) eines großen Philosophen aufgreift und für die Diskurse und Doxai der Gegenwart fruchtbar macht und formuliert. Das wäre eigentlich die Aufgabe eines Exegeten - und dann schon bei der Lektüre stolpern. Jetzt bin ich wieder ganz unnötig aufgebracht, hui. Der Dreyfus ist schon bestimmt ein Guter, weil er immerhin auch denkt, ja, ja.
Dezember 5, 2007 um 5:06 Uhr nachmittags
OK, sooo ein Guter ist er auch wieder nicht! Ich finde ihn eher als Symptom ein interessantes Studienobjekt (für jemanden, der vielleicht selber einmal jemandem etwas Philosophisches beibringen will): man sieht an ihm, wie die natürliche Einstellung angelsächsischer Prägung mit Heidegger umzugehen versteht (nicht dass man von sich selber die natürliche Einstellung nicht kennte…). Aber einen “Gestus aufgreifen” fände ich persönlich (wenn man diese Formulierung streng nimmt) auch zu wenig (zu wenig hinsichtlich des Wahr-Denkens, wahrscheinlich nicht zu wenig hinsichtlich der Lebenskunst): dem hermeneutischen Stolperstein müssen wir uns aussetzen, finde ich; gerade das kann das Bildungserlebnis sein, das einen die phänomenologsiche Reduktion ein wenig vollziehen lässt. Beim Nur-Lesen kann ja was Entscheidendes mit einem geschehen. Ist wenigstens zu hoffen. Aber stimmt es? Vielleicht kommt dieses Geschehen niemals im “Lebensgefühl” an, vielleicht kann es das gar nicht. Das wäre dann der tragische Stand der Philosophie: als Lebensunkunst.