Heidegger Realist?

2007/11/18

In seiner aktuellen Vorlesung zu Heideggers Sein und Zeit (Podcast) ist Hubert Dreyfus jetzt bei der Frage gelandet, ob Heidegger ein “Realist” oder ein “Idealist” ist. Dreyfus behauptet, dass Heidegger letztlich – um dem Idealismus zu entgehen – einen “robust realism” vertritt, und das heißt laut Dreyfus: Es gibt Seiendes, das auch unabhängig von der Entdecktheit im Dasein vorhanden ist, nämlich die Grundelemente, die die naturwissenschaftliche Forschung entdeckt: Elektronen, Atome etc.Diese Identifizierung des Seienden “an sich” mit den wissenschaftlichen Fakten hat aber eigentlich gar nichts mit Heidegger zu tun. Heidegger ist Realist in dem Sinne, dass es überhaupt keinen Sinn macht, zwischen phänomenal begegnendem Seienden und Seiendem an sich ontologisch zu unterscheiden. Die Unterscheidung zwischen Für-das-Dasein und An-sich hat hier allenfalls im kantischen Sinne Relevanz, insofern man das Ding an sich nicht als ein Etwas hinter den Dingen, sondern als architektonischen Grenzbegriff auffasst. Aber Heidegger kann kein Realist sein in Hinblick auf die Ergebnisse der Wissenschaften, wie Dreyfus behauptet, denn was für einen Vorzug sollte das Vorhandene der Wissenschaften gegenüber dem Vorhandenen der entweltlichten Alltagserfahrung haben? Das uns begegnende Seiende bringen wir seinem Dasein nach nicht hervor (und deshalb ist es sinnvoll, vom Ding an sich in seinem “Entstand” grenzbegrifflich zu sprechen, wie es Heidegger im Anschluss an Kant tut), aber dies gilt für alles begegnende Seiende, nicht nur für das in der wissenschaftlichen Einstellung Begegnende. Ebenso gilt aber, dass die Weise, wie und als was das Seiende uns begegnet, vom Sein des Daseins abhängt. Man kann hier auf einen alten Grundsatz der Scholastik zurückgreifen: Quidquid recipitur, ad modum recipientis recipitur, d.h. das Empfangene hängt von der Weise des Empfangens ab, und diese Weise gründet, für uns unhintergehbar, im Sein des Daseins. Wenn es also kein Dasein gäbe, dann würde das nicht bedeuten, dass es nur Elektronen und Atome gäbe. Es gibt nicht einfach eine vorhandene Grundschicht, auf der die Interpretationen des Daseins aufbauen. Wenn es kein Dasein gäbe, gäbe es auch kein Vorhandensein. Dies ist nur ein Ausdruck dafür, dass wir das Dasein nicht einfach mittels Gedankenexperiment wegdenken können, um derart zu einer “an sich” bestehenden Grundschicht der Wirklichkeit zu gelangen. Diese Fragestellung ist schon keine ontologische mehr, sondern versucht in einem bestimmten, bereits eröffneten ontologischen Horizont (dem der Vorhandenheit) ontische Verhältnisse zu bestimmen.           

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