Argumente sind wohlfeil wie Brombeeren
2007/11/17
Argumente sind wohlfeil wie Brombeeren, sagt Hegel irgendwo. Darin liegt das Problem der Mehrzahl aller Gespräche, die sich um ein Wahres drehen wollen: Man hat eine Meinung, von der man sich und seine Gesprächspartner rational mittels Argumenten überzeugen will, oder auch umgekehrt: man sucht Argumente, um die Ausgangsmeinung zu widerlegen. Für alle diese Zwecke sind Argumente eben wohlfeil wie Brombeeren: sie lassen sich überall problemlos pflücken, weil sie beinahe wie Unkraut aus dem Boden schießen. Diese Lage ist bedrohlich für das rationale Gespräch, weil sie zur Konsequenz hat, dass die formallogische Gültigkeit und selbst die inhaltliche Stichhaltigkeit eines Arguments nicht automatisch die Vernünftigkeit des Argumentierenden und die letzte Wahrheit der Sache sichern. Sicher ist es „rationaler“, guten Argumenten zu folgen, aber irgendwann kommt immer der Punkt, wo der Versuch zu argumentieren von der zu verstehenden Sache entfernt und es also unvernünftig wird, der Argumentationskette einen neuen schönen kleinen Ring hinzuzufügen. Die Einsicht in den nicht-zureichenden Charakter des rationalen Arguments muss philosophisch massive Konsequenzen haben: Nicht der Scharfsinn im Begründen von Meinungen ist letztlich die Kardinaltugend des Philosophen, sondern der Tiefsinn im Außer-Spiel-Setzen der Meinungen, die Fähigkeit, die in der phänomenologischen Tradition als Epoché und phänomenologische Reduktion bezeichnet wird. Denn die phänomenologische Reduktion ist nicht einfach eine zu vollziehende wissenschaftliche Methode, sondern die existenzielle Fähigkeit, mit dem Transzendentalen eine Erfahrung zu machen: eine Erfahrung im Denken. Dieses Vermögen – und sei es noch so rudimentär gebildet und ausgeübt – unterscheidet den Philosophen vom Pseudo-Philosophen, für welchen die philosophischen Begriffe nur Worte sind, Spielmarken, die sich beliebig und virtuos herumschieben lassen. Deshalb ist nicht nur die Logik, sondern auch die Rhetorik eine große Gefahr für die Philosophie.