Die Essenz der Harry-Potter-Geschichte sind die existenziellen Modifikationen des existenzialen Seins-zum-Tode des Daseins. Voldemort will den Tod überwinden, indem er ihn flieht; außer der ihn dominierenden Furcht vor dem Tod hat er kein existenzielles Verhältnis zum Tod. Er kann sich keine andere Überwindung des Todes vorstellen, als ihn mit den Mitteln der Magie/Technik aus dem Leben auszuschließen. Die Romane zeigen, was es für ein Leben bedeutet, diese natürliche Einstellung, die jeder Mensch kennt, ins Obsessive zu steigern: dieses Leben kennt keine Liebe, keine Opferbereitschaft, keine Reue. Das eigene Leben wird zum absoluten Wert, es transzendiert sich nicht, sondern sucht seine Steigerung mit den Mitteln der Magie/Technik (vgl. Wille zum Willen und Wille zur Macht, Nietzsche-Heidegger). Voldemort bleibt dabei eine tragische Figur: Er ist keine Inkarnation des Bösen, sondern bleibt bis zum Schluß ein Mensch, an dessen Fähigkeit zur Reue appelliert werden kann. Er ist tragisch, weil sich sein Verhalten durch seine Herkunft erklären lässt, ohne dass diese Erklärung eine Rechtfertigung lieferte: Er hat nie die das Leben transzendierende Liebe erfahren, und dies erklärt sein Unvermögen, die Rolle der Liebe im Verhalten zum Tod zu verstehen; und doch zeigt insbesondere die Figur Snapes, dass sich aus einer ähnlichen Situation des Zukurzgekommenseins heraus dieser Weg zur Liebe und zum Opfer beschreiten lässt. Snape macht die Erfahrung der Liebe, aber nicht in der Gestalt des Opfers eines anderen, sondern in der aktiven Gestalt, die ein Sich-Opfern ohne Lohn und Anerkennung fordert. Auch wenn Snape alles aus Liebe tut, ist er der Held (zwar nicht der kantische Held im strengen Sinne!), weil sein Weg zu den Quellen der Moralität der schwierigste ist: Sein Weg ist das Opfer ohne die Erfahrung des Opfers eines anderen. Harry dagegen ist der Begünstigte des Schicksals (deshalb der Hass Snapes), der die Erfahrung der höchsten Liebe gemacht hat, bevor er selbst schon zu antworten hatte. Er lebt vom Erbe der Mutter, er ist prädestiniert dafür, sich selbst umwillen anderer zu opfern. Mit der Liebestat seiner Mutter hat der Tod im Grunde bereits den Stachel verloren, und christlich ist diese Geschichte darin, dass sie auf die Liebestat Christi für alle Menschen zurückweist: wir alle sind eigentlich schon Begünstigte des Schicksals, kleine Harry Potters. Erst vor diesem Hintergrund kann man sich mit Harry identifizieren, ohne eine willkürliche Bevorzugung durch das Schicksal einer glücklichen Geburt zu verlangen. Diese Entkräftung des Todes durch das Glück der Erfahrung des Geliebtwerdens ändert nichts daran, dass die Überwindung des Todes, jetzt im christlichen Sinne (der den Tod als Tod sein lässt), eine existenzielle Arbeit erfordert. Der Tod hat seinen Stachel verloren, und dennoch bleibt die Furcht und das daraus folgende Ausweichen. Wie soll man leben, ohne den Tod als Tod zu verfehlen? Darauf gibt der Weg Harrys eine exemplarische Antwort.