In seiner aktuellen Vorlesung zu Heideggers Sein und Zeit (als Podcast bei itunes U erhältlich) bringt Hubert Dreyfus immer wieder seinen Kollegen John Searle mit Husserl in Zusammenhang, um beide den Auffassungen Heideggers entgegenzusetzen. Das ist eigentlich ganz falsch: Searles “biologischer Naturalismus” hat rein gar nichts mit Husserls Bewusstseinsanalyse zu tun. Der wichtigste Unterschied ist der folgende: Für Searle ist das “Mentale” einfach ein Teil der physischen Welt, und diese wird von den Naturwissenschaften, vor allem Atomphysik und Evolutionsbiologie, erklärt. Das heißt, Searle geht von der Wirklichkeit aus, so wie sie durch diese Wissenschaften entdeckt wird, und versucht von da aus, sich auf das bewusste Erleben und verwandte Phänomene der Ersten-Person-Perspektive einen Reim zu machen, indem er diese Phänomene der neurobiologischen Sphäre eingliedert. Übrig bleiben also keine philosophischen Probleme, sondern nur mehr neurobiologische Probleme, in denen es bloß darum geht, wie alles im Detail funktioniert. Husserl dagegen kennt nicht diesen naiven Glauben an die Wissenschaften und ihre vermeintlichen grundlegendsten Tatsachen, sondern versucht umgekehrt, den Sinn der Wissenschaften und ihrer Ergebnisse auf eine fundamentalere Ebene zu gründen: die Ebene der “Lebenswelt”, die nur über die Methode einer phänomenologischen Bewusstseinsanalyse zugänglich wird. Und da schließt auch Heidegger an, denn in der Fortsetzung dieser Methode stellt sich die Frage, was es mit dem Wirklichkeitscharakter der naturwissenschaftlich gewonnenen Entitäten auf sich hat. Die Frage ist nicht mehr, ob es diese Entitäten gibt oder nicht, sondern was für einen “Sinn von Sein” die Wirklichkeit dieser Entitäten besitzt. Es scheint, dass diese grundlegende Frage, mit der heute die Ontologie allererst philosophisch wird, von der gesamten Analytischen Tradition der Philosophie gar nicht verstanden werden kann, weil das natürliche Vorurteil (Husserl würde sagen: die natürliche Einstellung) vom selbstverständlichen Sinn des Seins als Vorhandensein (der-Fall-sein) so tief sitzt. Searle bleibt in diesem Sinne ganz Kind seiner Tradition. Muss man diese Blindheit für eine grundlegende philosophische Frage nicht einfach als schlechte Philosophie beurteilen?